Abdul El-Sayed zieht als erster Muslim in den US-Senat ein. Der 42-jährige Arzt und Epidemiologe, Sohn ägyptischer Einwanderer, hat den offenen Senatssitz in Michigan mit 52,4 Prozent gewonnen und lag damit rund sieben Punkte vor dem Republikaner Mike Rogers. Das Ergebnis ist eine Ohrfeige für Donald Trump, der im Wahlkampf alles gegen ihn aufgefahren hatte, und für die pro-israelische Lobbygruppe AIPAC, die ihn schon in der Vorwahl verhindern wollte.
Die Mehrheit der jüdischen Wähler stimmte für El-Sayed
Besonders aufschlussreich ist, wer ihn gewählt hat. Laut einer Umfrage von Mercury Public Affairs im Auftrag der Gruppe The Jewish Majority unter 482 jüdischen Frühwählern in Michigan stimmten 60 Prozent für El-Sayed und nur 36 Prozent für Rogers. Über die Zahlen berichtete zuerst das jüdische Magazin The Forward.

Damit widerspricht ein großer Teil der jüdischen Wählerschaft genau dem Vorwurf, mit dem El-Sayed monatelang überzogen wurde. Weil er Israels Genozid in Gaza beim Namen nennt, wurde er als „antisemitisch“ hingestellt. In seiner Siegesrede antwortete er darauf:
„Wenn du an gleiche Rechte auf Frieden, Würde und Selbstbestimmung glaubst, dann ist das kein Hass. Das ist Liebe.“
Abdul El-Sayed, Siegesrede in Detroit
„Dschihadist“, „Scharia“, Metalldetektor: Trumps Hetze
Trump selbst nannte El-Sayed auf einer Kundgebung in Port Huron einen „Dschihadisten“ und ein Mitglied der Muslimbruderschaft. Belege dafür gibt es keine, El-Sayed weist jede Verbindung zurück. Trump behauptete, er wolle dem Land die Scharia aufzwingen, machte sich über seinen Namen lustig und warf ihm vor, Juden und Israel zu hassen. Bei einer Kundgebung in Michigan legte er nach:
„Er wäre der einzige Senator, der durch einen Metalldetektor gehen muss, bevor er den Senat betreten darf. Ich will, dass er einen Metalldetektor bekommt.“
Donald Trump, Wahlkampfkundgebung in Michigan, 25. Oktober 2026
El-Sayed konterte wenige Tage später auf einer Kundgebung an der Western Michigan University: „Ich gehe durch einen Metalldetektor, wenn du dich einem Lügendetektor stellst.“ Seine zwei Fragen hätte er schon parat, sagte er: Epstein und die Wahl 2020. Trumps Angriffe nannte er „Ablenkungen und Täuschungen ohne jeden Beleg“.
In einem Wahlspot stellte er sich schlicht vor: „Mein Name ist Abdul.“ Und weiter: „Glaube ist etwas, von dem es in Washington einfach zu wenig gibt.“ Was ihn antreibt, hatte er schon 2017 erklärt: „Ich glaube an einen Gott. Und ich glaube, dass dieser Gott mir gebietet, eine gerechtere und fairere Welt zu schaffen. Und dabei geht es darum, allen zu dienen.“
333 Millionen Dollar und die pro-israelische Lobbygruppe AIPAC
Dazu kam Geld in Rekordhöhe. Nach einer Schätzung von Al Jazeera flossen rund 333 Millionen Dollar in diesen Senatswahlkampf, einen der teuersten des Jahres. Die pro-israelische Lobbygruppe AIPAC steckte allein über ihren Super-PAC United Democracy Project fast 31 Millionen Dollar in die Vorwahl, um El-Sayeds Nominierung zu verhindern und seine Rivalin Haley Stevens durchzubringen. So viel hatte AIPAC laut Bridge Michigan noch nie für eine einzelne Kandidatur ausgegeben. El-Sayed selbst bezifferte die AIPAC-Ausgaben gegen ihn in seiner Siegesrede auf 42 Millionen Dollar.
Er setzte dem eine Basisbewegung aus Zehntausenden Kleinspenderinnen und Kleinspendern entgegen und redete über das, was Menschen im Alltag drückt, über eine Krankenversicherung für alle, bezahlbare Lebensmittel und bezahlbares Benzin.
„Sie reden nicht über euer Benzin oder eure Lebensmittel. Mein Name und mein Glaube sind nicht der Grund, warum ihr euch euer Benzin nicht leisten könnt.“
Abdul El-Sayed, Pressekonferenz in Detroit, 26. Oktober 2026
„Ihr solltet zum Arzt gehen können, ohne eine riesige Rechnung zu bekommen“, sagte er am Vorabend der Wahl. Und: „Es sollte nicht so schwer sein, einen zweiten Beutel Lebensmittel zu kaufen oder den Tank zu füllen.“
Die Siegesrede: „Ihr habt euch für Hass entschieden, Michigan für Hoffnung“
In der Wahlnacht trat El-Sayed in Detroit vor seine Anhängerinnen und Anhänger. „Michigan, wir haben es geschafft!“, rief er, und stellte sich dann mit genau dem Namen vor, über den Trump sich monatelang lustig gemacht hatte:
„Mein Name ist Abdulrahman Mohamed El-Sayed. Und ich bin so stolz und geehrt, hier als euer gewählter Senator für den großartigen Bundesstaat Michigan zu stehen.“
Abdul El-Sayed, Siegesrede in Detroit
Auch den Spott über sein „inshallah“ griff er auf: „Ich habe immer ‚inshallah‘ gesagt, also ‚so Gott will‘, wenn es um den Ausgang dieser Wahl ging. Heute Nacht können wir aus diesem ‚inshallah‘ ein ‚alhamdulillah‘ machen.“ Für die Rechten übersetzte er gleich mit: Das heiße einfach „Gott sei Dank“.
Seinen Gegnern hielt er vor, sie hätten „eine der hässlichsten Kampagnen unseres Lebens“ geführt. „Sie hassen die Vorstellung eines Amerikas, das groß genug ist für alle, die ein bisschen anders aussehen oder ein bisschen anders beten.“ Und dann der Satz des Abends: „Ihr habt euch für Hass entschieden, und Michigan hat sich für Hoffnung entschieden.“
An Rogers gerichtet sagte er: „Also, Mike, genieß deinen Ruhestand.“ An Trump: „Donald, ich weiß, du hattest Probleme mit meinem Namen. Wenn J.D. mich im Januar vereidigt, kannst du einfach Senator zu mir sagen.“ Und an die Lobbygruppe:
„An AIPAC, die 42 Millionen Dollar gegen uns ausgegeben haben: Danke, dass ihr mir die Gelegenheit gegeben habt, euch zweimal zu schlagen.“
Abdul El-Sayed, Siegesrede in Detroit
„Kein Geld für Apartheid, Völkermord oder Krieg“
Auch bei Palästina blieb er klar. Das vollständige Zitat aus seiner Siegesrede:
„Michiganders, wir wollen, dass unsere Steuern hier ausgegeben werden. Für Schulen hier, für das Gesundheitswesen hier und für die Infrastruktur hier. Wir wollen nicht, dass unser Geld für Apartheid, Völkermord oder Krieg verwendet wird.“
Abdul El-Sayed, Siegesrede in Detroit
Gemeint ist die US-Militärhilfe für Israel, das den Gazastreifen zerstört und die palästinensischen Gebiete illegal besetzt hält. Der Internationale Gerichtshof hat 2024 festgestellt, dass Israels Besatzung des Gazastreifens, des Westjordanlands und Ost-Jerusalems völkerrechtswidrig ist und sofort beendet werden muss. Schon im Wahlkampf hatte El-Sayed gesagt, es dürfe nicht so schwer sein, Steuern zu zahlen und zu wissen, dass das Geld für einen selbst und die eigenen Kinder ausgegeben wird, statt Bomben auf andere und deren Kinder zu werfen.
Die Wählerinnen und Wähler in Michigan haben sich genau für diese Themen entschieden: Geld für Schulen, Gesundheit und Infrastruktur statt für Apartheid, Völkermord und Krieg. El-Sayed schloss mit einem Satz, der seinen Wahlkampf zusammenfasst:
„Ich liebe Amerika. Aber ich liebe Amerika genug, um es zu bitten, Amerika für all seine Kinder zu sein.“
Abdul El-Sayed, Siegesrede in Detroit
Die Gleichsetzung von Kritik an Israel mit Antisemitismus hat in Michigan nicht verfangen, auch nicht bei der Mehrheit der jüdischen Wählerinnen und Wähler. In Deutschland wird sie weiter gepflegt.





![Israelische Siedler greifen Olivenbäume im Westjordanland an, Palästinenser sind verzweifelt [Ammar Awad/Reuters]](https://itidal.de/wp-content/uploads/2026/10/2026-10-16_11-44-58_516711-e1792511204941-350x250.jpg)