Die deutschpalästinensische Künstlerin Halima Aziz malt das Meer, Erdbeerfelder und die traditionellen Gewänder ihrer Großmutter. International ist sie geachtet. Ihre Arbeiten wurden im Palestine Museum US, in London, Washington D.C. und Kopenhagen gezeigt. In Deutschland aber ist sie antipalästinensischer Hetze ausgesetzt. Im Gespräch mit itidal.de erklärt sie, wie sie auf den Hass mit Kunst antwortet.
Itidal: Deine Bilder wirken oft ruhig, fast zärtlich, obwohl Verlust und Sehnsucht dahinterstehen. Ist diese Spannung Absicht? Und wäre das für dich auch Widerstand?
Halima Aziz: Im Mittelpunkt meiner Kunst steht für mich immer die Menschlichkeit. Ich glaube, dass selbst dort, wo Schmerz und Verlust existieren, auch Raum für Liebe, Schönheit und Hoffnung bleiben kann. Diese Gefühle schließen einander nicht aus. Vielleicht ist genau diese Spannung mit der Zeit zu einem Teil meiner Bildsprache geworden, ohne dass ich sie bewusst geplant habe.
Ich glaube nicht, dass Kunst laut sein muss, um etwas zu bewegen. Manchmal liegt ihre Kraft gerade in den leisen Dingen. Ein Tatreez-Muster kann auf den ersten Blick einfach schön sein und zugleich die Geschichten mehrerer Generationen in sich tragen. Eine Landschaft kann Sehnsucht ausdrücken und dennoch Geborgenheit vermitteln. Für mich ist Schönheit deshalb kein Gegensatz zu Schmerz. Sie kann eine Möglichkeit sein, ihm etwas entgegenzusetzen, ohne ihn zu verdrängen.
Dabei bedeutet Bewahren für mich nicht, etwas in der Vergangenheit festzuhalten. Traditionen und Erinnerungen bleiben lebendig, wenn wir sie weitergeben, neu interpretieren und ihnen auch in der Gegenwart einen Platz geben. Wenn andere meine Kunst als eine Form des Widerstands verstehen, darf diese Interpretation ihren Raum haben. Ich selbst möchte meine Arbeit jedoch weniger darüber definieren, wogegen sie sich richtet, als vielmehr darüber, wofür sie steht.
Ich möchte mit meiner Kunst erzählen, bewahren und verbinden und daran erinnern, dass Menschlichkeit, Liebe und Hoffnung auch in schwierigen Zeiten ihren Platz haben.

Itidal: Eines deiner Bilder wurde für den Weltgebetstag ausgewählt. Das ist ein riesiges Ereignis. In über 150 Ländern gab es Ausstellungen und allein in Deutschland nehmen rund 800.000 Menschen teil. Dein Bild wurde dabei 2024 international einem riesigen Publikum präsentiert, in Deutschland aber nicht.
Halima Aziz: Diese Erfahrung hat mir gezeigt, dass ein Kunstwerk, sobald es den eigenen Arbeitsraum verlässt, ein Leben entwickelt, das man nicht vollständig beeinflussen kann.
Mein Bild Praying Palestinian Women entstand im Auftrag des Weltgebetstags. Die Bildidee und die einzelnen Motive wurden im Entstehungsprozess gemeinsam mit den Verantwortlichen besprochen und abgestimmt. Im Mittelpunkt stehen drei palästinensische Frauen unterschiedlicher Generationen. Mir ging es darum, ihre Verbundenheit, ihre Würde und die Weitergabe von Traditionen sichtbar zu machen. Der Olivenbaum mit seinen tiefen Wurzeln steht dabei für die Verbindung zur Heimat und die Hoffnung, die Generationen überdauert.
In Deutschland wurde das Bild schließlich nicht verwendet. International fand es dagegen seinen Platz, unter anderem in der Schweiz, Schottland, Australien und Neuseeland sowie auf dem Cover des offiziellen internationalen Weltgebetstags-Journals. Das hat mich berührt, gerade weil in diesem Werk viel persönliche Bedeutung und gemeinsame Arbeit stecken.
Natürlich war die Erfahrung nicht einfach. Sie hat mir aber auch gezeigt, wie unterschiedlich ein und dasselbe Bild gelesen werden kann. Ich glaube, dass weder eine Institution noch ich als Künstlerin allein bestimmen können, welche Bedeutung ein Werk für andere Menschen bekommt. Meine Intention bleibt ein Teil davon, ebenso wie die Erfahrungen der Menschen, die es betrachten.

Itidal: Danach kam viel Hass. Wie ist das, plötzlich damit überzogen zu werden? Und wie war es mit der Solidarität?
Halima Aziz: Natürlich tut Hass weh. Besonders, wenn Menschen über einen urteilen, ohne einen persönlich zu kennen. Im Internet entsteht manchmal innerhalb weniger Sekunden ein Bild von einem Menschen. Dabei ist niemand nur ein einzelnes Kunstwerk, eine Schlagzeile oder ein Moment seines Lebens.
Ich musste lernen, zwischen Kritik und Hass zu unterscheiden. Kritik gehört zur Kunst dazu. Sie kann neue Perspektiven eröffnen und einen auch selbst zum Nachdenken bringen. Hass hingegen lässt oft kaum Raum für ein echtes Gespräch.
Was mich in dieser Zeit besonders berührt hat, waren die Menschen, die sich bei mir gemeldet haben. Manche kannte ich persönlich, andere überhaupt nicht. Ihre Nachrichten und ihre Ermutigung haben mir viel bedeutet. Natürlich hätte ich mir an manchen Stellen auch aus der Kunstszene mehr öffentliche Solidarität gewünscht. Gleichzeitig habe ich gelernt, dass Unterstützung nicht immer laut sein muss, um etwas zu bewirken.
Aus dieser schwierigen Zeit sind sogar neue Begegnungen entstanden. Über einen Kontakt nach Schweden ergab sich beispielsweise die Möglichkeit, meine Arbeiten dort in einem Museum zu zeigen. Damit hätte ich damals nicht gerechnet.
Irgendwann habe ich mich gefragt, wofür ich meine Energie einsetzen möchte. Ich kann nicht bestimmen, wie andere Menschen meine Kunst interpretieren oder über mich urteilen. Aber ich kann entscheiden, was ich selbst in die Welt tragen möchte.
Ich möchte lieber etwas erschaffen als etwas zerstören.

Itidal: Du hast mit Amnesty International UK zusammengearbeitet, deine Arbeiten hingen im Palestine Museum US. Bekommt deine Kunst international mehr Anerkennung als in Deutschland?
Halima Aziz: Ich würde Anerkennung nicht unbedingt an geografischen Grenzen festmachen. Mich fasziniert vielmehr, welche Wege Kunst nehmen kann und wie unterschiedlich Menschen sich darin wiederfinden. Gleichzeitig bin ich in Deutschland geboren und aufgewachsen. Deshalb wünsche ich mir natürlich, dass meine Kunst auch hier stärker wahrgenommen wird und neue Räume für Begegnung und künstlerischen Austausch entstehen.
Meine Arbeiten wurden unter anderem im Palestine Museum US, in London, Washington D.C. und Kopenhagen ausgestellt. Darüber hinaus durfte ich das Cover des Buches Teaching Palestine: Lessons, Stories, Voices von Rethinking Schools gestalten. Auch in internationalen Kunst- und Kulturpublikationen sowie Medien wie dem Goethe-Institut, GRAZIA, Architectural Digest Middle East und Wobby fand meine Arbeit ihren Platz.
Besonders bedeutungsvoll war für mich die Zusammenarbeit mit Amnesty International UK zum International Women’s Day 2025. Dafür durfte ich ein Kunstwerk gestalten, das Frauen und ihre unterschiedlichen Lebensgeschichten in den Mittelpunkt stellt. Mir liegt am Herzen, Frauen nicht allein über die Herausforderungen zu definieren, denen sie begegnen, sondern auch ihre Persönlichkeit, ihre Kreativität, ihre Träume und ihre Selbstbestimmung sichtbar zu machen.
Anerkennung bedeutet für mich jedoch mehr als internationale Sichtbarkeit oder der Name einer Institution. Manchmal schreibt mir jemand, dass ihn ein Bild an seine Großmutter erinnert oder ihm ein Stück seiner Heimat näherbringt. Solche Begegnungen berühren mich besonders. Denn letztlich ist es für mich die größte Anerkennung, wenn meine Kunst etwas in einem Menschen bewegt, ganz unabhängig davon, wo auf der Welt er sich befindet.

Itidal: Du warst neun, als der illegal besetzte Gazastreifen 2008 bombardiert wurde. Welche Bilder aus dieser Zeit tauchen heute in deinen Arbeiten auf?
Halima Aziz: Ich war damals noch ein Kind und habe einen Teil meiner Kindheit in meiner Heimat verbracht. Meine Erinnerungen daran sind keine lückenlosen Geschichten, sondern einzelne Eindrücke und Gefühle, die bis heute in meine Kunst einfließen. Auch schwierige Erfahrungen prägen meine künstlerische Sprache. Es gab Phasen, in denen ich kaum zu leuchtenden Farben greifen konnte. Manche Werke entstanden in gedeckten, beinahe tristen Tönen, weil sie das ausdrückten, wofür mir die Worte fehlten.
Wenn ich heute an das Leid der Menschen denke, blutet mir das Herz. Besonders die Kinder gehen mir nicht aus dem Kopf, denen eine unbeschwerte Kindheit, Bildung und die Freiheit, von ihrer Zukunft zu träumen, verwehrt bleiben. Es gibt so vieles, das sich kaum in Worte fassen lässt. Ihr Schmerz ist auch mein Schmerz.
Und dennoch möchte ich meine Heimat in ihrer ganzen Vielfalt zeigen. Meine Erinnerungen an Gaza und Tulkarm sind auch von Lebensfreude, Kultur und menschlicher Wärme geprägt. In meiner Kunst möchte ich all diesen Facetten Raum geben. Denn neben dem Schmerz gibt es auch Liebe, Schönheit und Hoffnung, und ich möchte, dass auch sie sichtbar bleiben.

Itidal: Wenn jemand deine Kunst kennenlernen will: Mit welchem Werk sollte er anfangen?
Halima Aziz: Das ist gar nicht so einfach zu beantworten, weil meine Kunst nicht ausschließlich von mir erzählt. Viele meiner Werke entstehen aus den Geschichten von Menschen, denen ich begegne, aus Erinnerungen meiner Familie oder aus Bildern und Momenten meiner Heimat.
Wenn jemand meine künstlerische Sprache kennenlernen möchte, würde ich wahrscheinlich mit den Arbeiten beginnen, in denen traditionelle palästinensische Kleidung und Tatreez vorkommen.
Diese jahrhundertealte Stickkunst fasziniert mich besonders, weil sie weit mehr ist als eine dekorative Tradition. Ihre Muster erzählen von Herkunft, Orten, Menschen und Lebensgeschichten. Für mich ist Tatreez fast wie eine Sprache, die ohne Worte auskommt.
Mich berührt auch, wie viel Wissen, Kreativität und persönliche Geschichte über Generationen hinweg von Frauen weitergegeben wurde. Diese Stickereien bewahren ein jahrhundertealtes kulturelles Erbe und erzählen zugleich von der Stärke, Kreativität und künstlerischen Ausdruckskraft der Frauen, die sie über Generationen hinweg geschaffen und weitergegeben haben.
Itidal: In deinen Bildern tauchen Erdbeeren, Landschaften, das Meer auf. Verändert sich eine Erinnerung, wenn du sie immer wieder malst?
Halima Aziz: Manchmal habe ich das Gefühl, dass Erinnerungen mit den Jahren nicht unbedingt genauer, dafür aber bedeutungsvoller werden. Ich erinnere mich vielleicht nicht mehr an jeden einzelnen Tag meiner Kindheit, aber bestimmte Bilder und Gefühle sind geblieben: der frische Wind am Strand, das Erdbeerpflücken, bestimmte Farben und Kleidungsstücke oder meine Großmutter in ihrem selbstgestickten Thobe.
Wenn ich solche Erinnerungen male, versuche ich nicht, sie wie ein Foto zu rekonstruieren. Mich interessiert vielmehr das Gefühl, das von ihnen geblieben ist.
Vielleicht verändert das Malen meine Erinnerungen nicht unbedingt. Es gibt ihnen vielmehr einen Ort, an dem sie bleiben dürfen.
Und sobald ein Bild fertig ist, gehört die Erinnerung nicht mehr nur mir. Vielleicht sieht jemand eine Erdbeere in meinem Bild und denkt plötzlich an die eigene Kindheit. Jemand anderes entdeckt darin einen Ort oder ein Gefühl, das er lange vermisst hat. Genau das finde ich so schön an Kunst: Etwas sehr Persönliches kann plötzlich etwas Universelles werden.

Itidal: Im August ist der große palästinensische Künstler Sliman Mansour gestorben. Du hast 2021 mit ihm ausgestellt. Was bedeutet er für dich?
Halima Aziz: Sein Tod hat mich sehr berührt. 2021 hatte ich die besondere Erfahrung, im Rahmen einer Gruppenausstellung in der P21 Gallery in London gemeinsam mit Sliman Mansour auszustellen. Wenn man noch eine junge Künstlerin ist und die eigene Arbeit plötzlich in einem Raum mit Werken eines Künstlers gezeigt wird, der über Jahrzehnte die palästinensische Kunst geprägt hat, ist das natürlich etwas Besonderes.
Was ich an seinem Werk immer bewundert habe, ist seine Beständigkeit. Über Jahrzehnte hat er Menschen, Landschaften, Frauen, Alltag und palästinensische Kultur in seiner ganz eigenen Bildsprache festgehalten.
Natürlich liegen Generationen zwischen uns, und ich würde meine Arbeit niemals mit seinem Lebenswerk gleichsetzen. Aber genau darin liegt für mich die Inspiration: zu sehen, was entstehen kann, wenn ein Künstler über Jahrzehnte seiner eigenen künstlerischen Sprache treu bleibt und sich dennoch weiterentwickelt.
Von Künstlern wie ihm nehme ich deshalb vor allem eines mit: Man muss seiner eigenen Stimme Zeit geben, sich zu entfalten.
Itidal: Zeit für die eigene Stimme: Wie hat bei dir alles angefangen? Wie kam die Kunst in dein Leben?
Halima Aziz: Eigentlich war die Kunst schon da, bevor ich überhaupt wusste, dass sie einmal ein so wichtiger Teil meines Lebens werden würde. Als Kind habe ich ständig gemalt und gezeichnet. In der Schule war ich irgendwann einfach „die, die gut malen kann“. Für mich war das damals nichts Besonderes. Ich habe gemalt, weil es mir Freude gemacht hat.
Als ich älter wurde, kam irgendwann die Frage, was ich später einmal machen möchte. Damit verbunden war auch der Gedanke, dass man etwas wählen sollte, das vernünftig und sicher erscheint. Ich interessierte mich sehr für Sprachen und beschäftigte mich eine Zeit lang stärker damit. Das Malen rückte dadurch etwas in den Hintergrund.
Dann gab es an meiner Schule einen kleinen, aber für mich entscheidenden Moment. Die Wände waren ziemlich grau und es wurde nach Schülerinnen und Schülern gesucht, die bereit waren, Bilder zu malen, um die Räume etwas lebendiger zu gestalten. Irgendwann habe ich mich getraut, mitzumachen. Als ich wieder vor einer Leinwand saß und malte, wurde mir plötzlich bewusst, wie sehr mir die Kunst gefehlt hatte.
Rückblickend denke ich deshalb nicht, dass ich die Kunst irgendwann gefunden habe. Eigentlich war sie immer da. Ich musste nur wieder zu ihr zurückfinden.

Itidal: Wenn deine Kunst in 20 Jahren in Gaza hängen könnte, welches Bild sollte das sein?
Halima Aziz: Ich glaube, ich würde das Meer malen. Es gehört zu meinen stärksten Erinnerungen an Gaza. Ich denke an den Strand, an das Schwimmen, an den Wind und an dieses besondere Gefühl von Weite und Freiheit. Vielleicht würde ich Kinder am Meer malen. Einen ganz gewöhnlichen Moment, der gerade deshalb so viel bedeuten kann.
Denn wenn ich an Kinder denke, wünsche ich mir vor allem, dass sie die Möglichkeit haben, einfach Kinder zu sein. Dass sie spielen, lernen, zur Schule gehen, Freundschaften schließen, neugierig sein und von ihrer Zukunft träumen können.
Jedes Kind verdient die Freiheit, eigene Träume zu entwickeln.
Und wenn dieses Bild in zwanzig Jahren tatsächlich in Gaza hängen würde, hätte ich einen einfachen Wunsch: dass ein Kind davorsteht und das Meer nicht nur aus meinem Bild kennt. Dass es danach selbst hinausgehen, zum Strand fahren und dort seine eigenen Erinnerungen sammeln kann.
Vielleicht würde ich mir sogar wünschen, dass dieses Bild eines Tages gar nicht mehr mit Traurigkeit betrachtet werden muss. Dass ein Kind davorsteht, es anschaut und darin nichts Außergewöhnliches sieht.
Einfach ein Bild vom Meer.



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