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Offener Brief: 150 jüdische Persönlichkeiten rufen zu Rot-Rot-Grün in Berlin auf

Redaktion Von Redaktion
24.09.2026
in Debatte, Wahlcheck
12 Min. Lesezeit
Offener Brief: jüdische Persönlichkeiten aus Berlin, Erstunterzeichnende des Briefs für eine soziale und sichere Stadt

150 jüdische Persönlichkeiten rufen in einem offenen Brief zu einer Koalition aus Linke, SPD und Grünen in Berlin auf. Sie sprechen von einer Instrumentalisierung des Antisemitismus-Vorwurfs, um gegen die Linke vorzugehen und Kritik an Israel mit Antisemitismus gleichzusetzen. Sie plädieren für eine Politik, die Berlin gerechter für alle macht. Wir veröffentlichen den vollständigen Brief.

Offener Brief im Wortlaut

Berlin, den Tag nach der Wahl

Wir sind Berliner Jüdinnen und Juden und kommen aus unterschiedlichen Milieus; wir beten in unterschiedlichen Synagogen oder gar nicht; wir wählen unterschiedliche Parteien – und wir schreiben diesen Brief, weil wir in den vergangenen Wochen immer wieder dieselbe Behauptung gehört haben: Die Linke sei gefährlich für Juden, eine Koalition unter ihrer Beteiligung ein Sicherheitsrisiko für unsere Gemeinden. Wir widersprechen dieser Darstellung – nicht, weil wir die Sorgen kleinreden, sondern weil wir sie ernster nehmen, als es plakative Warnungen tun.

In einer Zeit, in der eine teilweise offen faschistische Partei quer durch Deutschland auf dem Weg zur Macht ist, entziehen sich die großen Publikumsmedien und (wichtige) Teile unserer eigenen jüdischen Gemeinschaft ihrer Verantwortung, wenn sie weiterhin so tun, als würde die Linke die größte Gefahr für jüdische Sicherheit darstellen. Wie alle Arten von Ressentiment und Vorurteil tritt auch der Antisemitismus in vielen verschiedenen Teilen der Gesellschaft auf. Und genau wie die anderen Formen von Gruppenhass wird er dort am gefährlichsten, wo er mit rechtsextremer Ideologie und mit den antidemokratischen Tendenzen und Konflikten zusammenfällt, die sich manchmal auch gewaltsam auf unseren Straßen Bahn brechen. Dass gerade die Linken ständig des Antisemitismus beschuldigt werden, ist nicht nur eine zynische politische Instrumentalisierung, sondern setzt beinahe jede Kritik an der israelischen Politik mit Antisemitismus gleich. Diese Flut an Anschuldigungen zielt darauf ab, andere Meinungen zu unterdrücken und das internationale Völkerrecht auszuhöhlen. Vor dem Hintergrund des überall anschwellenden Antisemitismus ist es nicht einfach eine neutrale Beobachtung, eine demokratische linke Partei herauszugreifen, sondern ein politisches Instrument, um Aufmerksamkeit ab- und umzulenken.

Uns beschäftigt etwas anderes mindestens genauso: Wie werden wir – und alle Berlinerinnen und Berliner – in dieser Stadt in den nächsten fünf Jahren leben? Steigende Mieten treffen jüdische Familien genauso wie alle anderen. Prekäre Beschäftigung, überlastete Schulen, ein Gesundheitssystem am Limit, wachsende soziale Spaltung – all das erzeugt genau jene gesellschaftlichen Spannungen, die auch den Judenhass fördern. Wer soziale Missstände ignoriert, überlässt das Feld denen, die immer als erstes nach Sündenböcken suchen. Eine Stadtregierung, die bezahlbaren Wohnraum sichert, öffentliche Daseinsvorsorge stärkt und soziale Ungleichheit spürbar reduziert, tut mehr für den gesellschaftlichen Zusammenhalt – und damit auch für unsere Sicherheit! – als bloß eine demokratische Partei auszugrenzen.

Deshalb sagen wir: Die klar bessere Wahl für diese Stadt, auch für uns Juden, ist eine Koalition, die das sozialökonomische Programm ernst nimmt, das jetzt so dringend gebraucht wird. Nicht weil wir alle Positionen in der Linken oder irgendeiner anderen Partei teilen – das tun wir nicht, und wir werden weiter kritisch bleiben, wo es nötig ist. Sondern weil eine rot-rot-grüne Koalition die Kraft hat, die materiellen Ursachen gesellschaftlicher Spannungen anzugehen, während eine Fortsetzung des Status quo oder ein Rechtsruck diese Spannungen nur verschärfen würde.

Wir bitten die künftige Regierende Bürgermeisterin und ihre Koalitionspartner um zweierlei: Nehmen Sie unsere Sicherheit als das, was sie ist – eine rote Linie, keinen zynischen Spielball für Propaganda. Und nehmen Sie unsere sozialen Nöte ebenso ernst wie die aller anderen Berlinerinnen und Berliner. Beides gehört zusammen. Eine Stadt, die gerechter wird, wird zu einer Stadt, in der auch wir sicherer leben.

Berliner Jüdinnen und Juden für eine soziale und sichere Stadt

Erstunterzeichner*innen

  • Nimrod Adam, Technologist
  • Udi Aloni, Film maker
  • Hila Amit, Autorin
  • Nadav Avruch
  • David Bakum
  • Gal Bar Nisan
  • Raz Bdv
  • Susanne Beer
  • Eliana Ben-David
  • Gilad BenDavid
  • Vered Berman, Ansprechperson zu Antisemitismus, Alice-Salomon-Hochschule
  • Dr. Sanders Isaac Bernstein
  • Michelle Bernstein, Yiddishist / Filmmaker / Writer
  • Raquel Elena Blum
  • Jacob Blumenfeld
  • Assaf Bondy
  • Julia Bosson, Editor-in-Chief, the Diasporist
  • Micah Brashear, Lehrer (AdL)
  • Amos Brison
  • Dalia Castel
  • Arun Chaudhary, Former Videographer for Barack Obama
  • Gal Chen, Analyst
  • Jordan Coll
  • Ben Cruchley, Musiker
  • Irene Dische
  • Emily Dische-Becker
  • Esther Dischereit, Schriftstellerin
  • Guli Dolev-Hashiloni
  • Tomer Dotan-Dreyfus, Autor, Publizist
  • Danit Dottan
  • Nika Dubrovsky, Director of David Graeber Institute
  • Michael Dunajevsky
  • Walter Einat
  • Max Elias
  • Debby Farber, Curator and researcher
  • Deborah Feldman, Autorin, Publizistin
  • Dr. Noa Feldman
  • Orsolya Ferenczi
  • Nimrod Flaschenberg, Israelis für Frieden
  • Ruth Fruchtman, Autorin
  • Dr. Yael Gaulan
  • Tom Givol
  • Dr. Michal Givoni
  • Harry Glass, Executive Director, Berlin Atonal
  • Milena Glimbovski, Unternehmerin, Autorin
  • Maya Gorkin
  • Scott Grabell, Varietè Artist
  • Dr. Shany Grossman
  • Assaf Gruber, Artist and filmmaker
  • Nia Grünberg
  • Maya Guttmann
  • Karen Emma Haber, Schriftstellerin
  • Michal Halevy
  • Gali Har-Gil
  • Camille Hausken-Brates
  • Iris Hefets, Psychoanalytikerin
  • Naomi Heimann
  • Rafael Heimann
  • Rotem Heyman
  • Alma Itzhaky, Künstlerin
  • Hori Izhaki
  • Sarah Milena Jochwed
  • Michal Kaiser-Livne, Psychoanalytikerin
  • Noy Avinoam Katsman
  • Dr. Jordan D. Klein
  • Sonja Knüppel
  • Oded Korach
  • Omer Krieger, Artist
  • Na’ama Landau
  • Josef Laor
  • Jacob Lefton
  • Shay Lerner
  • Avisar Alon Lev
  • Naomi Levari
  • Nadine Levin
  • Dr. Romm Lewkowicz, Research Fellow, Max Planck Institute
  • Eyal Li
  • Shelly Lieber
  • Rapha Linden, Writer
  • Adi Liraz
  • Shoshana London Sappir
  • Dr. Jossef Loss
  • Avital Lutzky, Educator
  • Itamar Mann
  • Naomi Mark
  • Dr. Asher J. Mattern, Rabbiner
  • Eva Menasse, Schriftstellerin
  • Yael Merlini, Lehrerin
  • Dr. Ben Miller, Historiker, Autor; Vorstand, Schwules Museum
  • Yonatan Miller, Gewerkschafter
  • Elya Milner, PhD
  • Irit Mogilevsky
  • Laura Moser, Writer
  • Irit Naaman, Teacher
  • Etay Naor
  • Prof. Susan Neiman, Director Emerita, Einstein Forum/Senior Fellow, New York University
  • Merrill Nisker, Musician
  • Noki Olchovsky
  • Eli Osheorff
  • Shlomo Owen
  • Jonathan Peaceman, freier Journalist
  • Noam Perry
  • Einat Podjarny
  • Avraham Ramati
  • Tamar Raphael, Schriftstellerin, Lehrerin
  • Adam Raz, Historian
  • Prof. em. Dr. Fanny-Michaela Reisin
  • Theresia Rexeisen
  • Emilia Zenzile Roig, Author
  • Ron Rothschild
  • Robert Rotifer, Journalist und Musiker
  • Ryan Ruby, Writer
  • Gaia Saati
  • Dror Sadot
  • Alon Sahar, Founder, Staatsräson Monitor
  • Ravit Sandler Jaffe
  • Naftali Sappir
  • Michael Sappir, Writer
  • Tali Schaefer
  • Eran Schaerf, Artist
  • Feli Schuler, Studentin
  • Ben Schuman-Stoler, Kollo Media Founder, HEIST Founding Publisher
  • Charlotte Sebes
  • Jonathan Shamir
  • Nil Shani
  • Mati Shemeolof, Author
  • Or Shemesh
  • Milan Shiff
  • Gil Shohat, Historiker, politischer Bildner
  • Sonia Simmenauer
  • Walter Solon, Artist / Filmmaker
  • Lili Sommerfeld, Musikerin
  • Nirit Sommerfeld
  • Jacob Sperber, Public Relations
  • Shaked Spier
  • Maya Steinberg, Filmmaker
  • Adina Stern
  • Lilli Stern
  • Maayan Strauss
  • Eliad Vagner
  • Dr. Katharina Verleger
  • Joel Vogel, Artist
  • Emily Weingarten, Sozialarbeitende
  • Laura Weiss, Ärztin
  • Yehudit Yinhar, Artist
  • Dr. Or Yizhar
  • Dr. Kim Yuval
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