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Interview zu United4Palestine Protest gegen Genozid und Apartheid: „Die größte Gefahr ist, dass Menschen sich daran gewöhnen.“

Redaktion Von Redaktion
03.10.2026
in Palästina, Leitartikel
9 Min. Lesezeit
Großdemonstration mit Palästina-Flaggen vor dem Reichstagsgebäude in Berlin

Amin Rjoob und Abed Hassan im Interview über die angekündigte Großdemo „United4Palestine“ am 10.10. in Berlin, die um 15 Uhr am Brandenburger Tor stattfinden soll.

Die United4Gaza Demo im Juni 2025 war die erste Massendemonstration in Deutschlands Hauptstadt gegen den Genozid in Gaza. Nun ruft eure Initiative, diesmal unter dem Motto „United4Palestine“, zu einer Großdemo am 10.10. in Berlin auf. Wofür wollt ihr demonstrieren?

Amin: Wir gehen für Frieden und Freiheit auf die Straße, für alle unterdrückten Menschen weltweit und ganz konkret für unser Volk. Als Palästinenser*innen fordern wir die Freiheit Palästinas und ein Leben in Würde und Sicherheit für alle Menschen zwischen dem Jordan und dem Mittelmeer, unabhängig von ihrer Religion. Unsere Initiative ist aus dem Gefühl der Ohnmacht entstanden, das viele von uns seit Oktober 2023 begleitet. Wir wollen nicht länger zusehen, sondern selbst sichtbar werden.

Warum der neue Name?

Abed: Die Umbenennung zu United4Palestine spiegelt unsere eigentlichen Ziele und unsere eigentliche Botschaft wider. Nämlich, dass unser Einsatz gegen den Genozid in Gaza keine bloße Reaktion auf das schrecklichste Verbrechen des 21. Jahrhunderts ist, sondern dass wir uns zu jedem Zeitpunkt und jederzeit für die Rechte der palästinensischen Bevölkerung und für ihre Befreiung einsetzen und eingesetzt haben. Gaza/Palästina betrifft uns alle gleichermaßen.

Abed Hassan und Amin Rjoob, Organisatoren von United4Palestine, bei einer Demonstration in Berlin
Abed Hassan (links) und Amin Rjoob (rechts) organisieren am 10.10. in Berlin erneut gemeinsam mit anderen Palästinenserinnen und Palästinensern einen Protest

Ihr beschreibt euch als Kollektiv von Palästinensern in Deutschland. Wie wichtig ist es euch, dass diese Demo von Palästinenser:innen selbst getragen wird und nicht nur von solidarischen Gruppen?

Amin: Das ist für uns zentral. In Deutschland wird über Palästinenser*innen gesprochen, aber kaum mit ihnen. Dabei erleben wir immer wieder dasselbe Muster: Aussagen, die Palästinenser*innen seit Jahren machen, gelten plötzlich als seriös und gemäßigt, wenn sie von Israelis oder weiß gelesenen Menschen kommen. Aus unserem Mund werden dieselben Sätze als radikal abgestempelt. Das ist kein Zufall, sondern ein strukturelles Problem.

Abed: Ich selbst war in Gaza während des Genozids und mir ist damals eine Sache sehr eindrücklich klar geworden, die selbstverständlich sein sollte. Niemand, aber auch niemand, kennt deine eigene Situation und Bedürfnisse besser als du selbst. Wir Palästinenser wissen, dass keiner unsere Sorgen so gut kennt wie wir selbst und wir in unserem eigenen Namen sprechen müssen, um uns von der Besatzung zu befreien!

Wie viel Support gibt es aus der Zivilgesellschaft?

Amin: Viel, und er wächst. Unser Ziel ist die breite Gesellschaft, nicht nur eine Szene. Was uns fehlt, ist Rückhalt aus der Politik. Gerade von der Linken erwarten wir mehr: Statt sich reflexhaft von Begriffen und Personen zu distanzieren, sobald Mainstream-Medien sie diffamieren, sollte sie sich mit der Geschichte Palästinas auseinandersetzen. Ein Beispiel ist der Begriff „Intifada“. Er bedeutet Aufstand, den zivilen Widerstand gegen Unterdrückung und Ungerechtigkeit. Das sollte gerade eine linke Partei wissen.

Abed: Ein einfaches Beispiel, welches aufzeigt, wie zurückhaltend die Menschen noch in Bezug auf Palästina sind, ist zum Beispiel, dass Institutionen und Vereine, seit dem Zeitpunkt, an dem ich angefangen habe, Demonstrationen zu organisieren, mich nicht mehr eingeladen und ausgegrenzt haben, aus Angst vor der sogenannten Kontaktschuld.

Ihr stellt das illegal besetzte Westjordanland und Ostjerusalem ins Zentrum, mit Siedlergewalt, Vertreibung und Hausabrissen. Warum dringt das in der deutschen Berichterstattung so schwer durch?

Amin: Weil die Berichterstattung auf einer einseitigen Informationsgrundlage beruht. Die ARD hat ihr Büro in Tel Aviv, aber keine Vertretung in Ramallah, dem palästinensischen Verwaltungssitz. Wer nur von einer Seite aus berichtet, sieht auch nur eine Seite. Der Journalist Fabian Goldmann hat ausgewertet, dass in deutschen Schlagzeilen auf eine palästinensische Stimme 9 bis 18 israelische kommen.

Abed: Die Vertreibung der Palästinenser aus Ostjerusalem und ihre Alltagsdiskriminierung als auch die schweren, ständigen Verbrechen in der West Bank dringen nicht durch, weil sie leider so alltäglich waren, auch vor dem 07. Oktober, dass es teilweise keinen Nachrichtenwert mehr hat. Das Leben in diesen Gebieten ist ein reiner Überlebenskampf, aber es ist nicht sensationell genug. Die größte Gefahr ist, dass Menschen sich daran gewöhnen und irgendwann den Status quo annehmen.

Laut einer Allensbach-Umfrage erkennen 73 % der befragten Deutschen an, dass Israel einen Genozid in Gaza begeht. Laut einer Umfrage der Universität Hamburg wollen 80 %, dass Palästina als Staat anerkannt wird. Warum sieht man diese Mehrheitsmeinung so unterrepräsentiert auf den Straßen?

Amin: Weil viele Menschen Angst haben, als antisemitisch bezeichnet zu werden. Vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte verstehen wir diese Angst. Aber wir müssen ehrlich fragen: Wie wird Antisemitismus in Deutschland eigentlich definiert, und wem dient diese Definition? Und ist es nicht selbst antisemitisch, jüdisches Leben und die Politik des israelischen Staates gleichzusetzen, wie es in Deutschland ständig geschieht?

Abed: Der Genozid hat meiner Meinung nach diese Angst nicht gebrochen, sondern einfach dazu geführt, dass sich die öffentliche Meinung verändert. Die Menschen wissen nun um die Verbrechen Israels, aber die Überwindung, dieses Wissen in Widerstand gegenüber den hier vorherrschenden Missständen zu verwandeln, ist bei den meisten Menschen noch nicht angekommen.

Berlin und Gaza-Proteste in Verbindung miteinander wecken bei vielen Menschen gewisse Bilder. Polizeigewalt und Festnahmen. Wie geht ihr damit um?

Amin: Wir nehmen diese Angst ernst. Wir haben ein ausgearbeitetes Sicherheitskonzept, ein großes Ordner*innen-Team, ein eigenes Awareness-Team und mehr als zehn Anwält*innen, die die Demonstration begleiten. Wer zu uns kommt, ist nicht allein.

Abed: Massenproteste sind aufgrund der großen Menge an Menschen sicherer als kleine Demonstrationen. An unseren Demonstrationen nehmen große Teile der Gesellschaft teil, als auch Familien mit Frauen und Kindern. Ich habe dazu einiges aus der Erfahrung der letzten Monate zu erzählen, doch ich thematisiere die Polizeigewalt bewusst nicht, um nicht weiter Menschen abzuschrecken.

Wie stellt ihr eigentlich sicher, dass der Protest nicht durch Parteien, durch andere Gruppen oder fragwürdige Einzelfiguren gekapert wird?

Amin: Durch einen klaren Demonstrationskonsens, den wir konsequent durchsetzen. Wir wollen keine Aufteilung in Blöcke mit eigenen Agenden, sondern eine geschlossene, vielfältige Masse. Unter der palästinensischen Flagge ist jede*r willkommen.

Abed: Unsere Tür steht grundsätzlich allen Parteien, NGOs und Gruppen offen, solange diese respektieren, dass es an diesem Tag nicht um die Partei, die NGO oder ihre eigene Sichtbarkeit geht, sondern bedingungslos und kompromisslos um die betroffenen Palästinenser.

Was sind eure konkreten Forderungen?

Amin: Unsere Forderungen sind klar und lassen sich in sechs Punkten zusammenfassen:

  1. Sofortiges Ende des anhaltenden israelischen Genozids am palästinensischen Volk, der Apartheid, der Blockade und der illegalen Besatzung Palästinas, einschließlich Siedlerkolonialismus, Landraub, Vertreibung und ethnischer Säuberung.
  2. Sofortiges Ende der deutschen Unterstützung und Komplizenschaft in all ihren Formen, politisch, diplomatisch, wirtschaftlich, finanziell und militärisch, einschließlich eines sofortigen Stopps aller Waffenlieferungen.
  3. Konsequente Achtung des Völkerrechts, Unterstützung internationaler juristischer Maßnahmen, des Rückkehrrechts der Palästinenser*innen sowie von Reparationen und Wiederaufbau.
  4. Vollständige Aufhebung der Gaza-Blockade und uneingeschränkter Zugang zu humanitärer Hilfe, medizinischer Versorgung und lebensnotwendigen Gütern.
  5. Entkriminalisierung der Palästina-Solidarität und Schutz palästinensischer sowie Anti-Genozid-Stimmen, Proteste, Symbole, Organisationen und Grundrechte, einschließlich der Ablehnung der deutschen Staatsräson und der IHRA-Definition als Grundlage für Repression und Einschränkungen palästinensischer Stimmen.
  6. Schutz vor antipalästinensischer Diskriminierung und staatlicher Repression sowie Aufbau, Schutz und Förderung palästinensischer Institutionen und Strukturen in Deutschland.

Abed: In erster Linie ist unsere Forderung, dass die Regierung aufhört, Palästinenser für ihre Meinung und für ihren Einsatz für Menschenrechte zu kriminalisieren. Aktuell haben wir eine Massenabschiebung, vor allem in Berlin, von Palästinensern, welche aufgrund dessen abgeschoben werden, dass sie sich an palästinasolidarischen Protesten beteiligt haben.

Wir fordern, wenn sich Deutschland durch die bedingungslose Unterstützung Israels und die Waffenlieferungen eh am Genozid gegen die Palästinenser beteiligt, für die Folgen geradezustehen und Kinder und ihre Familien hier in Deutschland aufzunehmen. Denn während Esel aus Gaza, welche die israelischen Soldaten entführt haben, hier aufgenommen werden, sitzen immer noch mehrere Tausend Kinder und Familien in Gaza und in Ägypten fest, ohne Perspektive auf Zukunft oder medizinische Behandlung.

Wir Palästinenser brauchen keine Hilfe, wir brauchen nur, dass man uns in Ruhe lässt, dass man nicht von unserer Unterdrückung und Apartheid profitiert und dass man uns einfach atmen lässt. Beendet die Komplizenschaft an den Verbrechen und das würde uns schon reichen.


United4Palestine
Großdemo am Samstag, 10. Oktober 2026, in Berlin
Start: [UHRZEIT], [ORT]

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