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Israel tötet Zivilisten in Gaza Israelische Soldatin: Ich habe ein unschuldiges Kind getötet

Von Tarek Baé
15.08.2026
in Hintergründe, Palästina
Eine ehemalige israelische Soldatin erzählt, wie Israels Staat und Armee Zivilisten als Terroristen darstellen, um ihre Ermordung zu erleichtern. „Aber das ist eine Lüge”, sagt Yael gegenüber der israelischen Zeitung Haaretz. Itidal berichtet über die Geständnisse. (Bild: Haaretz)

Eine ehemalige israelische Soldatin erzählt, wie Israels Staat und Armee Zivilisten als Terroristen darstellen, um ihre Ermordung zu erleichtern. „Aber das ist eine Lüge”, sagt Yael gegenüber der israelischen Zeitung Haaretz. Itidal berichtet über die Geständnisse. (Bild: Haaretz)

Eine ehemalige israelische Soldatin erzählt, wie Israels Staat und Armee Zivilisten als Terroristen darstellen, um ihre Ermordung zu erleichtern. „Aber das ist eine Lüge”, sagt Yael gegenüber der israelischen Zeitung Haaretz. Itidal berichtet über die Geständnisse.

Israel nennt die getöteten Zivilisten Kollateralschäden. Oder verhöhnt sie beleglos als „menschliches Schutzschild der Hamas”. Die Aussagen seiner eigenen Minister, Generäle und Soldaten beschreiben etwas anderes: Eine bewusst betriebene Industrie der Ermordung.

„Ich habe ein unschuldiges Kind getötet, ich war diejenige, die die Ziele eingespeist hat, es geht auf mich.“ So beschreibt Yael, wie Haaretz die ehemalige israelische Artillerie-Soldatin nennt, ihre Rolle im Krieg. Beim Militär, sagt sie, habe man ihr eingetrichtert, man töte nur Terroristen. „Aber das ist eine Lüge.“ Ihr Geständnis darf nicht als Anlass von falschem Mitleid mit einem Mitglied einer kriminellen Vereinigung, die das israelische Militär ist, verstanden werden. Es ist viel mehr ein weiterer Einblick. Die private Version dessen, was israelische Verantwortliche seit Beginn des Genozids offen aussprechen.

Yael ist kein Fremdkörper in dieser Armee, sie ist Paradebeispiel der Geschichte des Staates Israel: „Vor der Armee war ich eine extreme Rechte, eine, die ‚Tod den Arabern‘ gesagt hätte“, sagt sie. Das sei der Mythos gewesen, mit dem man sie in der Schule geprägt habe. Wer so aufwächst und dann Angriffe auf Wohnviertel plant, muss keine Skrupel überwinden. Die Skrupel kamen bei ihr erst nach dem Genozid.

Die Linie kommt von ganz oben. Verteidigungsminister Joav Gallant kündigte die Totalblockade des illegal besetzten und belagerten Gazastreifens im Oktober 2023 mit den Worten an, man kämpfe „gegen Tiermenschen“ und handle entsprechend, es werde keinen Strom geben, keine Nahrung, keinen Treibstoff. Israels Premierminister Benjamin Netanyahu rief zur totalen Auslöschung Gazas und zum biblischen Vernichtungsbefehl gegen Amalek auf, „erinnert euch, was Amalek euch angetan hat“. Staatspräsident Izchak Herzog sagte, die Rede von unbeteiligten Zivilisten sei „absolut nicht wahr“ und „das ganze Volk” sei verantwortlich, deshalb müsse man den Palästinensern „den Rücken brechen”. Südafrika legte diese und über hundert weitere Aussagen dem Internationalen Gerichtshof (IGH) als Beleg für Vernichtungsabsicht vor. Der IGH nahm die Klage an und bezeichnete sie als „plausibel”.

Nach Aussagen von Angehörigen der israelischen Armee-Division 252 wies Brigadegeneral Jehuda Vach die Soldaten an, es gebe in Gaza keine Unschuldigen. Aus dem besetzten Netzarim-Korridor in Gaza zitierte Haaretz einen Bataillonskommandeur, der befahl, jeder, der eine bestimmte Linie überquere, sei ein Terrorist, es gebe keine Zivilisten, alle seien Terroristen. Soldaten sprechen von Tötungszonen, in denen auf jeden geschossen wird, der sie betritt. Die Erkenntnisse sind nicht neu. Israel besetzt über 60 % des gesamten Gazatreifens und tötet alle Menschen, die der sogenannten gelben Linie, die Gaza teilt, zu nahe kommt. Itidal-Autor Mohammed El Baba berichtet aus Gaza: „Wer sich in der Nähe der gelben Linie befindet, muss jeden Tag neu herausfinden, ob Vertreibung oder Tod drohen. Das Risiko ist groß, beliebig von israelischen Scharfschützen, Drohnen oder Granaten getötet zu werden, weil man der gelben Linie, die sich ständig verschiebt, zu nah kommt.”

Am deutlichsten war das Muster an den Orten, an denen Menschen um Nahrung anstanden. „Es ist ein Tötungsfeld“, sagte ein Soldat zu Haaretz über die von den USA und Israel betriebenen Verteilzentren (GHF). Zwischen einem und fünf Menschen seien dort täglich getötet worden, ohne Bedrohung, ohne Warnung, mit schweren Maschinengewehren, Granatwerfern und Mörsern. Ein anderer schilderte, man habe mit Maschinengewehren aus Panzern gefeuert und Granaten geworfen. Nach Daten des Gesundheitsministeriums in Gaza, die Al Jazeera zum Zweijahresstand führt, wurden an diesen Ausgabestellen bis Oktober 2025 mehr als 2.600 Menschen durch das Feuer israelischer Soldaten und privater GHF-Sicherheitskräfte getötet und über 19.000 verletzt.

Wie eingeplant das Töten von Zivilisten ist, verrät ein Detail, das Yael beiläufig nennt. Artilleriefeuer sei ungenau, ein Einschlag im Umkreis von fünfzig Metern gelte der Armee schon als guter Treffer. In den dicht bebauten Vierteln Gazas heißt das, dass ein einziger Schuss ganze Familien auslöschen kann, ohne dass das in der Logik der Armee als Fehler zählt.
Was dieses Feuer anrichtet, hatte sie im Ohr, während sie es lenkte. „Ich hörte die Schreie, das Gewehrfeuer, die Rufe über Funk. Die ganze Zeit musste ich funktionieren, Ziele einspeisen. Ich tat es mit Tränen in den Augen.“ Die Feinde, sagt sie, seien in Echtzeit nur Ziele gewesen und erst nachträglich zu Menschen und Opfern geworden.

Dass von solchen Einsätzen kaum Spuren bleiben, ist kein Zufall. „Sie ziehen es vor, Dinge unter den Teppich zu kehren, alles innerhalb der Einheit zu halten“, sagte ein Offizier aus dem Personaldirektorat Haaretz, „was es sehr schwer macht, Ereignisse zu überprüfen.“ Auch Yaels eigene Unterlagen reichte die Armee nur lückenhaft weiter, berichtet sie.

Mit dieser Armee kooperiert die Bundeswehr seit 2026 offiziell in der Ausbildung.

Die Reaktion der Regierung auf diese Aussagen ihrer eigenen Soldaten ändert sich seit Beginn des Genozids nicht. Auch diesmal reagiert Israel nicht mit Selbstkritik oder Aufklärung, sondern mit Gegenangriff. Nämlich: Antisemitismusvorwurf. Netanyahu und Verteidigungsminister Israel Katz verwarfen den Bericht als „Ritualmordlegende“. Mit dem gleichen Vokabular werden israelische Verbrechen auch in Deutschland geleugnet.

In der Zeitung Jüdische Allgemeine, die vom Zentralrat der Juden herausgegeben und von Steuergeldern finanziert wird, bezeichnet Daniel Neumann, Vorsitzender des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Hessen, die Behauptung, Israel erschieße gezielt Babys, als „moderne Variante der Ritualmordlegende“. Als Ritualmordlegenden gelten Verschwörungstheorien des europäischen Antisemitismus, wonach Juden Kinder töten und ihr Blut trinken würden. Eine rassistische Wahnvorstellung, die in Deutschland gängig war, in Palästina aber unbekannt ist und auch bezüglich Gaza nicht als Behauptung genutzt wird.

Tatsächlich führt die UN Israel in der Liste der Staaten und Organisationen, die Gewalt gegen Kinder als Waffe einsetzen. Im Juni 2026 stellte eine Unabhängige Untersuchungskommission der UN fest: Israel tötet gezielt Kinder und Babys in Gaza. „Die Beweise zeigen, dass palästinensische Kinder von den israelischen Sicherheitskräften gezielt ins Visier genommen und getötet wurden“, so Kommissionsvorsitzender Srinivasan Muralidhar.

Das ist keine Meinung. Das ist eine Feststellung. Ein Fakt durch unabhängige Quellen.

Was kollektiv geleugnet wurde, wird nach und nach gestanden. Darauf muss man nicht erst warten. Unabhängige Beweise gibt es tausendfach. Journalistinnen und Journalisten riskierten ihr Leben, um zu berichten und zu belegen. Wer auf diese Erkenntnisse hinwies, wurde in Deutschland des Antisemitismus, des Islamismus, des Israelhasses, der Volksverhetzung usw. bezichtigt.

Tränen einer israelischen Soldatin, die mitgemordet hat, sind nicht aussagekräftiger als handfeste Aufnahmen eines Genozids, an dem es bereits am 8. Oktober 2023 keinen Zweifel gegeben haben dürfte. Selbst dann, wenn man die Vorgeschichte der systematischen Vertreibung, Unterdrückung, Bekämpfung und Besatzung der Palästinenser durch Israel ignorieren will.

  • Tarek Baé

    Gründer und Chefredakteur von Itidal. Berliner Patriot. Tarek Baé ist Journalist und Bestseller-Autor aus Berlin. 2021 gründete er die freie Medienplattform Itidal, arabisch für Gleichgewicht. Benannt hat er das Medium nach seiner Großmutter Itidal, von der er sagt, sie hätte mit ihrer Standhaftigkeit und gleichzeitigem Sanftmut ein lebendiges Beispiel des Gleichgewichts symbolisiert.

    Er schaffte es mit seinen Kritiken und Recherchen auf die Feindeslisten des israelischen Militärs und der Terrorgruppe Daesch (IS).

    “Ich schreibe für das große, inklusive Wir, zu dem jede und jeder gehören kann. Und ja, ich schreibe auch mindestens genauso leidenschaftlich gegen all jene, die dieses Wir angreifen.”

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Tags: GazaGenozidIDFIsrael
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