Die Wohnung ist umhüllt von einem Duft, an den man sich immer wieder erinnern wird. Der Duft von frisch gebackenem Brot und vom aufgekochten Tee. Von Gewürzen, die in der Luft schweben, wie Erinnerungen. Sanft ummanteln die Düfte die Räume, bis das Lachen der Kinder und das Knistern des Herdes sie verdrängen. Eine Wohnung, in der man die Tür öffnet und sofort das Gefühl hat, in eine Welt voller Geborgenheit einzutreten. Doch hinter dieser warmen Atmosphäre verbirgt sich eine Geschichte voller Sorge und Verlust.
Die Familie E. gehört zu den Uiguren, einer turksprachigen und muslimischen Minderheit aus der chinesischen Region Xinjiang. Sie werden in China besonders stark unterdrückt, weil sich ihre kulturellen und religiösen Traditionen von der Mehrheitsgesellschaft unterscheiden. Dadurch gelten sie seit Jahren als Sicherheitsrisiko. Obwohl Uiguren nur etwa 1 % der chinesischen Bevölkerung stellen, machen sie laut einer Analyse des Uyghur Human Rights Project (UHRP) rund 34 % der Gefängnispopulation Chinas aus. Ein Leben unter ständiger Überwachung und Kontrolle. „Unsere Religion konnten wir nur in Kellerräumen ausüben“, so Melisa E.
Uiguren in China stehen unter umfassender staatlicher Beobachtung. Wer gegen die Regierung ist, riskiert die Sicherheit der Familie und kann sogar in Umerziehungslager gebracht werden. In Xinjiang liegt die Inhaftierungsrate bei etwa 3.814 pro 100.000 Menschen. Das ist mehr als 47-mal so hoch wie der nationale Durchschnitt. Zwischen 2017 und 2022 wurden dort rund 578.500 Strafverurteilungen gegen Uiguren ausgesprochen.
Viele von ihnen verschwinden spurlos, und Familien erfahren oft erst Jahre später vom Schicksal ihrer Angehörigen.
Für Menschen wie Melisa bedeutet jede Form von Kontakt zu Angehörigen in Xinjiang ein enormes Risiko. Sie und ihre Familie gelten aus Sicht der chinesischen Behörden als verdächtig, weil sie außerhalb der staatlichen Kontrolle gelebt haben. Um ihre Kinder zu schützen, herrscht seit Jahren absolute Stille. Ein Schweigen, das ihr unvorstellbare seelische Belastungen abverlangt. Schon ein kurzer Anruf, eine Textnachricht oder eine harmlose Kontaktaufnahme könnte ihre zurückgelassenen Kinder in extreme Gefahr bringen. Viele Familien berichten, dass Verwandte bestraft, verhört oder festgenommen werden, sobald sie Kontakt zu Angehörigen im Ausland haben.
Melisa E. kam vor drei Jahren mit ihrem Mann und zwei Kindern nach Deutschland, in der Hoffnung, ihre übrigen Kinder eines Tages nachholen zu können. Vor ihrer Flucht lebte sie noch mit ihrer fünfköpfigen Familie in China. Ein Leben, das von Unterdrückung, Einschränkungen und ständiger Angst geprägt war. „Ich hätte mir das alles im Leben nicht vorstellen können“, erzählt sie. „Ich kann immer noch nicht fassen, was mir alles passiert ist.“ Auf ihrer Flucht war die Türkei das erste Ziel. Die drei älteren Kinder konnten nicht mitkommen, da sie keine Reisepässe hatten. In der neuen Heimat wurden später zwei weitere Kinder geboren. Das Paar eröffnete dort einen kleinen Lebensmittelladen. Ihr größtes Ziel blieb jedoch unverändert: die Familie wieder zu vereinen.
Um ihre Kinder zu schützen, vermeidet Melisa jeden Kontakt zu ihnen. „Immer, wenn die Kleinen den Laden betraten, musste ich an meine Kinder denken. Es war wie ein kleiner Hoffnungsschimmer. Vielleicht würden auch sie eines Tages durch diese Tür kommen.“ Sie erinnert sich, wie sie manchmal länger im Laden blieb, auch wenn kaum Kunden kamen. Einfach, weil sie sich vorstellte, irgendwann könnten ihre Kinder plötzlich vor ihr stehen.
„Man sagte uns, in Deutschland könnte man die Kinder leichter nachholen als in der Türkei“, berichtet Melisa. So begann ihre Reise nach Deutschland. Sie kamen in ein Land, dessen Sprache und Kultur so weit entfernt waren wie die Kinder, die sie zurücklassen mussten. Für diesen Schritt gaben sie ihren Laden auf, den sie mit viel Mühe und Kraft aufgebaut hatten. Mit zwei Kleinkindern wurde die Situation nur noch herausfordernder. Ein neues Land, dessen Sprache sie kaum verstanden. Eine völlig andere Kultur. Doch ihr einziges Ziel blieb: die Kinder.
Seitdem sind zehn Jahre vergangen. Zehn Jahre ohne jeglichen Kontakt. Fortschritte? Kaum. Laut Berichten von Human Rights Watch sitzen viele Uiguren, deren Angehörige im Ausland leben, seit Langem im Gefängnis. „Die Regierung würde uns entweder sofort verhaften oder sogar umbringen, wenn wir wieder einreisen würden“, sagt Melisa.
Melisa atmet tief ein, die Hände um das Handy gelegt. „Ich weiß nichts über meine Kinder, nicht mal die Träume oder was sie am liebsten essen. Jeden Tag frage ich mich, was meine Kinder machen. Das macht mich fertig.“ Nach einer kleinen Sprechpause zeigt sie mir mit Tränen in den Augen ein Bild. „Ich wünschte, meine Kinder würden zumindest wissen, dass ich jeden Tag an sie denke.“
Das Foto auf dem Handy ist das Einzige, was der Familie geblieben ist. Es zeigt einen glücklichen Augenblick, den sie als Familie verbracht haben, alle beisammen. Melisa schaut darauf, die Finger leicht auf dem Bildschirm. Ihr Gesichtsausdruck spiegelt ihren Kummer wider. „Meine Kinder hätte ich niemals zurücklassen dürfen.“ Das Bild ist die einzige Verbindung zu den Kindern. „Ich konnte keine gute Mutter sein für meine Kinder. Und doch, jeden Tag, jedes kleine Lächeln meiner jüngsten hier, gibt mir Kraft, weiterzumachen. Ich bin trotzdem dankbar, weil ich weiß, dass sie am Leben sind. Das gibt mir Hoffnung.“
„Ich weiß nicht, was die Zukunft bringt“, sagt Melisa leise, während der Duft von Tee die Küche füllt. „Aber ich weiß, dass ich meine Kinder niemals aufgebe.“ In ihren Augen liegt Trauer, aber auch eine unerschütterliche Stärke. Eine Stärke, die sie durch all die Jahre getragen hat. Bis dahin bleibt diese Wohnung ein Zufluchtsort. Zwischen Erinnerung und Erwartung, zwischen Schmerz und einem dünnen Faden Hoffnung, der niemals reißt. Jeder Tag ist geprägt von der Gegenwart, jeder Gedanke trägt die Vergangenheit mit sich. Die Familie hält an der Hoffnung fest, dass eines Tages die Distanz schrumpft und ihre Kinder wieder bei ihnen sind. Dann wird das Lachen, das sie so sehr vermissen, die Räume erfüllen. Was bleibt, sind die Erinnerung und die Liebe, die keine Grenzen kennt.
Melisa versucht, in kleinen Dingen Nähe zu schaffen: Sie liest Geschichten vor und erzählt von Erinnerungen, die sie gemeinsam erlebt haben, als wären die Kinder bei ihr. Jeder Moment wird zu einem stillen Gespräch mit denen, die sie vermisst.
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