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Home Palästina

Gaza: Warum ich mitten im Genozid Arzt werde

Von Mohammed El Baba
10.08.2026
in Palästina
Gaza: Warum ich mitten im Genozid Arzt werde

Ich habe in Gaza den Genozid überlebt, unser Haus und alles verloren und mit ansehen müssen, wie mein Bruder Amer schwer verletzt wurde. Als ich in den Krankenhäusern gesehen habe, wie unter schwierigsten Umständen Menschenleben gerettet werden, wurde mir klar: Ich studiere jetzt Medizin, um eines Tages Menschen wie ihn heilen zu können.

Mein Name ist Mohammed El Baba, ich komme aus Gaza-Stadt und studiere im ersten Jahr Medizin. Der Wunsch, Arzt zu werden, ist nicht in einem Hörsaal gewachsen, sondern in den dunkelsten Momenten meines Lebens.

Als der Krieg über Gaza kam, habe ich zum ersten Mal wirklich verstanden, was Ärztinnen und Ärzte sind. Zwischen Trümmern und Angst habe ich Menschen gesehen, die Tag und Nacht gearbeitet haben, um Verwundete zu retten, obwohl die Gefahr sie selbst umgab. Sie sind für mich zu Engeln der Barmherzigkeit geworden. Sie schützen das Leben und geben Hoffnung, gerade dann, wenn ein Mensch am verletzlichsten ist.

Wer ihren Mut ermessen will, muss wissen, unter welchen Bedingungen sie arbeiten. Die Weltgesundheitsorganisation hat seit Oktober 2023 mehr als 930 Angriffe auf das Gesundheitswesen in Gaza dokumentiert. Von den 36 Krankenhäusern ist heute keines voll funktionsfähig, nur etwa die Hälfte arbeitet überhaupt noch, und das längst über jeder Belastungsgrenze. Für mehr als zwei Millionen Menschen gibt es kein einziges MRT und ganze zwei Computertomografen. Rund 81 Prozent aller Gebäude im Gazastreifen sind beschädigt oder zerstört, und die WHO schätzt, dass allein der Wiederaufbau des Gesundheitssystems zehn Milliarden Dollar über fünf Jahre verschlingen wird. In diesen Ruinen operieren Chirurgen mit dem, was übrig geblieben ist, und trotzdem bleiben sie.

Wer hier schwer erkrankt, steckt fest. Nach Angaben der WHO warten mehr als 18.500 Patientinnen und Patienten auf eine Evakuierung ins Ausland, weil ihre Behandlung in Gaza nicht möglich ist, darunter über 4.000 Kinder. Mehr als tausend von ihnen sind gestorben, während sie noch auf einen Ausreiseschein warteten. Der schnellste, sicherste Weg führte in die nahen Kliniken von Ostjerusalem und dem Westjordanland, beide illegal besetzt und nur wenige Autostunden entfernt. Doch Israel hat diese Überweisungen seit Oktober 2023 gesperrt und hält an dieser Blockade bis heute fest.

Zu den Ärztinnen und Ärzten, die mich geprägt haben, gehört Dr. Amira Al-Assouli. Sie war Gynäkologin am Nasser-Krankenhaus in Khan Younis, längst im Ruhestand, und kehrte freiwillig zurück, als der Genozid begann. Ein Video ging damals um die Welt: Man sieht sie unter dem Feuer israelischer Scharfschützen aus dem Tor des Krankenhauses laufen, geduckt, den Mantel abgestreift, um einen blutenden jungen Mann in Sicherheit zu bringen. Später sagte sie, in diesem Moment habe sie nicht an sich gedacht, sondern nur daran, einen Menschen zu retten.

Und da ist Dr. Adnan Al-Bursh, der Leiter der Orthopädie am Al-Shifa-Krankenhaus, ein Symbol für Standhaftigkeit und Mitgefühl. Israelische Soldaten verschleppten ihn im Dezember 2023, während er im Al-Awda-Krankenhaus im Norden Gazas Patienten versorgte. Eine Anklage oder ein Verfahren gab es nie. Am 19. April 2024 starb er im Ofer-Gefängnis im illegal besetzten Westjordanland, gefangengehalten und, wie Mitgefangene und Menschenrechtsorganisationen übereinstimmend berichten, zu Tode gefoltert. Die UN-Sonderberichterstatterin zeigte sich entsetzt, sein Leichnam wurde der Familie nie übergeben. Nach Angaben der UN und von Ärzte ohne Grenzen sind seit Oktober 2023 rund 1.700 medizinische Fachkräfte in Gaza getötet worden, viele weitere wurden verschleppt. Dr. Al-Bursh war einer von ihnen, und er war einer der Besten.

Dass ich aus nächster Nähe weiß, was solche Ärzte leisten, verdanke ich auch meinem Bruder Amer.

Am 11. Oktober wurde unser Haus bei einem Luftangriff zerstört. Wir verloren alles, unsere Zimmer, unsere Bücher, den Ort zum Lernen, und zogen von einer Notunterkunft zur nächsten. Amer war immer ein außergewöhnlicher Schüler gewesen, mit Durchschnitten um die 99 Prozent, seit seine Lehrerin sich damals zu unserer Mutter umdrehte und sagte, dieser Junge sei anders. Mein Vater sagt bis heute, Amer sei nie nur ein guter Schüler gewesen. Er habe einen anderen Geist gehabt, habe Liebe und Zuversicht verbreitet und sei während des Krieges für viele Kinder ein Halt gewesen. Selbst als wir kein Zuhause mehr hatten, gab er sein Ziel nicht auf.

Am 23. Juli änderte sich sein Leben. Er war auf dem Weg zu einem Mathematik-Unterricht im Flüchtlingslager Nuseirat, doch der Lehrer kam nicht. Als Amer auf dem Markt ein paar Dinge besorgen wollte, schlug eine Drohne neben einem Passanten ein. Splitter trafen ihn an der Wirbelsäule, am Brustkorb und am ganzen Körper. Schwer blutend brachte man ihn ins Al-Awda-Krankenhaus, wo er sofort drei Blutkonserven erhielt, und dann weiter durch vier Kliniken, nur damit sein Zustand nicht endgültig kippte.

Ich war bei ihm. Amer überstand drei komplizierte Operationen, bei denen die Ärzte den Brustkorb von vorn und von hinten öffneten, um Splitter zu entfernen und innere Blutungen zu stillen. Fast zwei Monate lang konnte er nicht gehen. Er kam im Rollstuhl nach Hause und sah lange schweigend auf seine Beine, bevor die mühsame Rückkehr begann, vom Gehwagen zu den Krücken, Schritt für Schritt. „Solange mein Herz schlägt, stehe ich wieder auf„, hat er in dieser Zeit immer wieder gesagt. Und obwohl er im Bett lag und vor Schmerzen kaum schlief, ging er den gesamten Schulstoff sieben Mal durch.

Als die Abiturergebnisse kamen, hatte Amer im naturwissenschaftlichen Zweig einen Schnitt von 98 Prozent, für unsere Familie kam das einem Wunder gleich. Ich selbst kam auf 95 Prozent, einen der höchsten Werte in ganz Gaza. Nach zwei Jahren Krieg und unter Bedingungen, die kaum jemand aushält, war Bildung unsere Art, der Verzweiflung nicht das letzte Wort zu lassen.

Heute steckt noch immer ein gefährlicher Splitter nahe an Amers Wirbelsäule, der in Gaza nicht entfernt werden kann. Er braucht dringend eine Behandlung im Ausland, so wie die mehr als 18.500 anderen, die weiter warten. Inzwischen studiert er Ingenieurwesen und ich Medizin, und wir sind beide fest entschlossen, weiterzumachen und uns eine Zukunft aufzubauen. Doch ein Studium unter diesen Umständen zu finanzieren, während eine ganze Familie ums Überleben ringt, ist beinahe unmöglich geworden.

Ich berichte für Itidal von den Geschichten der Menschen in Gaza. Diesmal berichte ich von der meines Bruders. Ich möchte meinen Weg zu Ende gehen und eines Tages Menschen heilen, so wie Ärzte meinen Bruder geheilt haben. Menschen wie Amer. Blumen wachsen manchmal auch unter Trümmern. Ich möchte lernen, sie am Leben zu halten.

Anmerkung: Mohammed El Baba sammelt über einen Link auf seinem Profil Unterstützung für die Studiengebühren und Behandlungskosten seines Bruders Amer.

  • Mohammed El Baba

    Mohammed El Baba ist ein 19 Jahre junger Autor aus Gaza. Während des Genozids dokumentierte er auf eigene Faust die Realität vor Ort. Er studiert Medizin. Für Itidal berichtet er aus Gaza vom Alltag unter israelischer Besatzung und Bombardierung.

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Tags: GazaMedizin
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