Einen solchen Aufschrei gab es nicht, als das ZDF im März beschloss, den Internationalen Strafgerichtshof zu boykottieren. Weil die beiden Musiker Igor Levit und „Danger Dan” aus dem ZDF ausgeladen wurden, schreien Politik und Medien nun aber auf. Aber das ZDF war nie ein Ort der Freiheit. Und die beiden Musiker sind keine Stimmen dieser. 5 Beispiele für Verharmlosung und Verherrlichung von Gewalt, Genozid, Krieg und Israel.
KONTEXT NR. 1: Im März 2026 taucht ein Dokument des ZDF auf, das zeigt: Das ZDF boykottiert sämtliche Personen und grenzt sie als Gesprächspartner aus, die auf einer Sanktionsliste der USA stehen. So weit, so wahnsinnig. Das umfasst auch den Internationalen Strafgerichtshof, der von den USA sanktioniert wird, weil er Haftbefehle gegen Israels Führung erlassen hat. Itidal berichtete über das Dokument. Das Resultat? Beklommenes Schweigen. Kein Aufschrei in Politik und Medien. Keine satirische Aufarbeitung bei Die Anstalt, keine kollektive Sorge um die Freiheit. Überhaupt, kaum wahrnehmbare Kritik.
KONTEXT NR. 2: Die Musiker Danger Dan und Igor Levit sollten beim ZDF in der Sendung Die Anstalt den Song einen Song performen und wurden kurzfristig wieder vom ZDF ausgeladen. Weil der Song konkrete Gewaltaufrufe gegen Rechtsextreme, AfD und co. beinhalte. Die beiden Musiker sprechen von einem „skandalösen” Eingriff. Der Deutsche Journalistenverband DJV und die Gewerkschaft Verdi kritisierten die Ausladung. Hamburgs Finanzsenator und ein Sprecher der Linken schalteten sich ein. Die Anstalt findet die Entscheidung „mutlos”. Die selbe, ach so mutige, Anstalt hat bis heute nicht den Genozid in Gaza benannt. Bei AfD, Bild und Nius hingegen wird das ZDF gelobt. Zeit, das Theater zu beleuchten.
„Zivilisten in Gaza sind Schutzschild der Hamas”
Es ist die wohl bekannteste Propaganda des israelischen Regimes. Mit dem Ziel: Die Ermordung von Zivilisten zu relativieren. Dass eine UN-Untersuchung keinerlei Belege für die „Schutzschild”-Behauptung finden konnte, wird gern verschwiegen. So auch von Daniel Pongratz, einem 43-jährigen Musiker, der sich „Danger Dan” nennt. Cool. In dem Song Oktober in Europa seiner Band Antilopen Gang heißt es: „Zivilisten in Gaza sind Schutzschild der Hamas, Schutzschild der Nachfahr’n der Juden-Vergaser “. Im selben Lied heißt es, auf der Sonnenallee schiene nicht die Sonne; und sein Taxi-Fahrer, offenbar ein Synonym für Migrant, spreche wie ein Nazi. Berechtigte Kritik an Israel gibt es in seiner Weltsicht wohl nicht. „Davidsterne werden an die Haustüren gesprüht, ist das jetzt diese sogenannte Israel-Kritik”, verhöhnt der Song die israelkritischen Proteste gegen das Töten und setzt sie mit Antisemitismus gleich. Greta [Thunberg] wird als Judenhasserin bezeichnet. Einfach so. Daniel mags gefährlich. Er will herausfinden, was von der Kunstfreiheit gedeckt ist. Egal, wie sehr damit gelogen, gehetzt und markiert wird.
„Israel schlägt zurück und wird weiter zurückschlagen.”
Diese Worte sprach am 9. Oktober 2024 der Mitarbeiter der israelischen Botschaft, Guy Giladi, auf einer Propaganda-Veranstaltung, die von Axel Springer, dem Zentralrat der Juden, der Botschaft Israels und dem World Jewish Congress organisiert wurde. Musikalischer Stargast: Igor Levit. Der Pianist klimperte die musikalische Untermalung eines einseitigen, kriegsgeilen Abends vor sich hin. „Während wir hier sprechen, kämpfen unsere Soldaten an mehreren Fronten”, wütete Guy Giladi. Axel-Springer-Kopf Matthias Döpfner stellte Kritik an Israel und das Mitgefühl für die Menschen in Gaza als „eine einmalige Form von Täter-Opfer-Umkehr” dar. Es passt zu Igor Levits Redebeitrag an dem Abend, in dem er von einem Konzert in Israel berichtet. Eine ältere Dame hätte ihn dort gefragt, ob es [offenbar der Holocaust] derzeit „wieder” geschehe. Diese Sorge sei sein Auftrag, so Levit. Den Genozid in Gaza meint er damit wohl nicht. Denn über den spricht er nicht. Am selben Tag wurden in Gaza 64 Menschen getötet und 130 verletzt. Auf dem Konzert erhielten sie keinen Platz.
Kein Recht auf Protest
Protest gegen Konzerte israel-naher Musiker kann Igor Levit nicht ganz nachvollziehen. Zu Störaktionen gegen Konzerte sagte er im November 2025 im Deutschlandfunk: “In der Regel nennen wir so etwas Terrorismus”. Protest als „Terror”, kann das schon faschistoid genannt werden? Oder darf das weiter als „antifaschistisch” gefeiert werden? Bei dem Konzert, das Igor Levit nicht von Störaktionen terrorisiert sehen wollte, handelte es sich um ein Konzert des Israeli Philharmonic Orchestras, das übrigens gemeinsam mit Israels Militär auftritt.
Auch Danger Dan scheint ganz besondere Emotionen gegenüber Demonstrierenden zu haben. 2014 rappte seine Band Antilopengang die Zeilen „ich kämpfte mit der Polizei gegen Blockupy in Frankfurt”. Später stellte die Band die Aussage als „überspitzt” dar. Aber auf die Idee, gemeinsam mit der Polizei Bürger zu bekämpfen, muss man ja auch erstmal kommen können. Vielleicht sind andere Musiker ja einfach nur zu „mutlos” dafür.
Not a nice Guy
Im Januar 2024 war Igor Levit zu Gast im Podcast Two Nice Jewish Boys. Die beiden israelischen Podcaster versuchten ihn darauf festzunageln, dass Deutschland gegenüber Juden wie 1933 wäre. Levit manövrierte sich klug herum. Und immer wieder schimmerte durch, dass der Panist nicht so recht reinpasst in die radikale Szene, in der er sich herumtreibt.
„Wenn man mir einen Knopf geben würde, mit dem ich den Gazastreifen einfach auslöschen könnte und jedes einzelne Lebewesen im Gazastreifen morgen nicht mehr leben würde, würde ich ihn sofort drücken”, heißt es wenig später im September im selben Podcast in einer anderen Folge. Weiter: „Sorry, wenn es uns scheißegal ist, ob alle dort [in Gaza] sterben. Das ist einfach unsere Meinung. Das ist, wie Israelis fühlen.“ Die Menschenverachtung kennt kein Ende: „Die Menschen [Israelis] genießen es, zu wissen, dass sie [Palästinenser] leiden.” Extremste genozidale Aussagen.
Die Folge mit Igor Levit ist danach nicht verschwunden. Eine Ditanzierung Levits von seinen Gastgebern lässt sich nicht finden.
Antirassisten sind Antisemiten?
Danger Dan, der sich als 43-jähriger Mann ernsthaft so nennt, zeichnet ein gefährliches Bild über Deutschland. In dem Song Oktober in Europa heißt es: „Heute sind die größten Antisemiten, alle Antirassisten, gegen Hass und für Frieden.” Was verstehen Daniel, Kolja und Tobias von der Antilopengang konkret von Rassismus? Was verstehen sie von Frieden? Oder Hass? Antirassismus als Antisemitismus darzustellen, heißt immer irgendwo auch: Die Rassisten sind die Guten. Oder zumindest, die Besseren, die weniger schlimmen. Im Land von NSDAP, AfD und co. Antirassisten als „die größten Antisemiten” zu markieren, ist nicht künstlerisch anspruchsvoll. Es ist gefährlich. Aber ja, auch das darf Kunstfreiheit. Gefährlich und gefährlich dumm sein.
Das sind Daniel und Igor letztlich. Bestenfalls gefährlich dumm. Und keineswegs relevant in Fragen des sozialen Zusammenlebens, der Freiheit, von Gesellschaft oder Frieden. Ja, sie hätten auftreten können dürfen. Begleitet von der niederschmetternden Kritik an ihren brandgefährlichen Aussagen und Handlungen. Dafür, und gerade dafür, sind ZDF und co. aber zu mutlos. Wir alle, die wir zurecht feststellen, dass wir noch nie im Leben so irrsinnige, falsche Worte äußerten, müssen in der Sorge um Freiheit in unserem Land nicht in einen Topf mit solchen Scharfmachern geworfen werden.