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Home Debatte

Die vergessenen Stimmen 15 Deutsch-Iraner sagen ihre Meinung zum Krieg und der Lagerbildung

Von Tarek Baé
23.07.2026
in Debatte
Itidal hat 15 Deutsch-Iraner zu ihrer Meinung zum Krieg der USA und Israels sowie zur Lagerbildung gebeten

Itidal hat 15 Deutsch-Iraner zu ihrer Meinung zum Krieg der USA und Israels sowie zur Lagerbildung gebeten

Itidal hat Deutsch-Iranerinnen und Deutsch-Iraner gefragt, die sich in der öffentlichen Debatte nicht wiederfinden. Zurück kamen keine Parolen, sondern Briefe. Manche mehrere Seiten lang, geschrieben zwischen zwei Telefonaten nach Teheran.

Eine junge Frau schreibt gleich im ersten Absatz, worum es geht. «Ich schreibe Ihnen heute als Deutsch-Iranerin, die sich zwischen zwei Welten bewegt und die sich in der aktuellen Debatte oft weder gehört noch verstanden fühlt.»

Rund 319.000 Menschen in Deutschland haben iranische Wurzeln, die größte iranische Community Europas. Seit dem 28. Februar 2026 bombardieren die USA und Israel den Iran. Die Angriffe dauern an. Fast alle, die uns geschrieben haben, baten um Anonymität. Nicht nur wegen der Machthaber in Teheran.

«Ich spreche in der Vergangenheitsform»

Jasmin ist Deutsch-Iranerin, ein Teil ihrer Familie lebt im Osten Teherans. «Seitdem ich geboren bin, kenne ich den Iran unter dem Mullah-Regime. Ich habe nie verstanden, wieso man Politik mit Religion verbindet, ich habe auch nie verstanden, wieso ich mit 12 Jahren plötzlich Kopftuch tragen musste, als wir unsere Familie besucht haben.»

«Meine Familie hat das Regime verachtet für seine Brutalität. Und ich spreche tatsächlich in der Vergangenheitsform, denn die Sichtweise meiner Familie und vieler weiterer Iraner hat sich geändert.»

Ihre Mutter habe schon vor Jahren gesagt: «Lieber ein Iran unter dieser Führung als gar kein Iran mehr.» Damals hätten sie fast darüber gelächelt.

165 Tote in einer Grundschule

«Die Nachbarschaft rund um das Haus meines Großvaters wude tagtäglich bombardiert und nein, dort gibt es keine militärischen Einrichtungen. Der Spielplatz nebenan wurde bombardiert. Die Schule, zu der meine Mutter als Kind ging, wurde bombardiert. Und dennoch sprechen westliche Medien von gezielten und strategischen Angriffen.»

Jasmin fragt weiter: «Welche Strategie steckt dahinter, an nur einem einzigen Tag 165 Menschen in einer Grundschule zu töten? Vielleicht hat sich Khamenei unter dieser Schule versteckt?»

Gemeint ist Minab. Am ersten Kriegstag traf ein Marschflugkörper der USA die Mädchenschule Shajarah Tayyebeh, die Opferzahlen reichen von 156 bis über 180, die meisten Mädchen zwischen sieben und zwölf. Die USA sprachen von „fehlerhaften Karten”.

«Das könnte unser letztes Telefonat sein»

Tagelang kein Kontakt. Die Familie sah die Explosionen nur in Telegram-Gruppen und auf X. «Und wir haben auf einem der Bilder tatsächlich die Strasse erkannt, in der das Haus meiner Großeltern steht. Wir waren wirklich auf alles vorbereitet.» Ein paar Stunden später kam der Anruf. Sie leben.

Die Druckwelle hatte den Großvater gegen die Wand geschleudert. «Aber eben nicht schwer genug, dass man ihn in ein Krankenhaus aufnehmen könnte, die sind belegt für all die Menschen, die in Lebensgefahr schweben.»

«An jedem Tag, an dem wir meine Familie im Iran für ein paar Minuten erreichen, verabschieden sie sich mit den Worten, dass das unser letztes Telefonat sein könnte.»
Das UNHCR zählte bis Mitte April bis zu 3,2 Millionen Binnenvertriebene.

«Es sind nicht nur die Bomben»

«Es wurden drei große Medikamentenfabriken in Teheran bombardiert. Supermärkte, Fleischverkäufer. Dass es immer noch Menschen gibt, die von militärischen Zielen sprechen, ist beschämend.»

Belegen lässt sich das. Am 1. April traf Israel in Teheran das Werk der Tofigh Daru Research and Engineering Company, einen der größten iranischen Hersteller von Krebsmedikamenten und Narkosemitteln. Einen Tag später wurde das Pasteur-Institut getroffen, praktisch alle Gebäude beschädigt. Die WHO äußerte sich besorgt über die Schäden an der medizinischen Infrastruktur.

Jasmin zieht daraus einen Schluss. «Es sind nicht nur die Bomben, den Menschen wird ihre Lebensgrundlage genommen.»

«Der Feind deines Feindes»

Ramin, mütterlicherseits Iraner, anonym. Seine Familie litt bis Ende der Siebziger unter Pahlavi und danach unter Khomeini. Entsprechend fühlt er sich nirgendwo vertreten. «Einige Muslime in Deutschland stellen sich unreflektiert auf die Seite des iranischen Regimes, während Exiliraner doch tatsächlich glauben, der Westen bringe uns Selbstbestimmung und Freiheit ins Land.»

«Von Jahr zu Jahr schäme ich mich mehr für unsere Diaspora. Wir halten uns für so kultiviert und überlegen, obwohl viele von uns einfach nur von Verblendung und Egoismus getrieben sind.»

Über hundert Stunden hat er nichts von seinen Verwandten gehört. «Es gibt nicht nur schwarz und weiß. Der Feind deines Feindes ist nicht zwangsläufig dein Freund. Und es gibt auch noch uns, Exiliraner die nicht feiern, während das eigene Volk um sein Leben bangt.»

«Und genau da stehe ich, irgendwo dazwischen»

Arash, Frankfurt geboren, Eltern nach dem Sturz des Schahs nach Deutschland gekommen. «In meiner Familie ist die Monarchie bis heute ein großes Thema. Viele wünschen sich die Zeit von damals zurück.» Er sieht es anders und versteht sie trotzdem. «Und genau da stehe ich, irgendwo dazwischen.»

«Ich war immer gegen das iranische Regime. Aber ich wollte nie, dass Veränderung durch Krieg und Bomben kommt. Ich wollte nie, dass Zivilisten sterben, nur damit sich vielleicht politisch etwas bewegt.»

Am meisten trifft ihn etwas anderes. «Dass Iraner sich untereinander noch mehr hassen als vorher. Sagst du das Falsche, bist du Monarchist. Sagst du was anderes, bist du Regime Unterstützer. Kritisierst du Israel, wirst du direkt in die nächste Ecke gestellt.»

Vor der Botschaft in Frankfurt

Kaveh, 28, in Deutschland geboren, hier studiert, hier arbeitend, schreibt aus Köln. Im Sommer 2024 wollte er bei der iranischen Botschaft in Frankfurt wählen. «Meine Absicht war es, die Situation im Iran von innen heraus zu verbessern. Ohne böswillige Interventionen aus dem Ausland.»

«Vor der Botschaft, ein Mob aus Pahlavi-Anhängern. Ihr Werkzeug war nicht das Argument, sondern der blanke Hass. Als ich alleine an ihnen vorbeiging, schlugen mir Todesdrohungen auf Persisch entgegen.»

Geblieben ist ihm ein Bild. «Eine junge Mutter mit ihrem Kinderwagen. Durch ein Megafon schrien diese Menschen sie an und haben auch ihr gedroht, mit dem Tod ihres Babys.»

«Die Polizei Frankfurt schützte den Mob.»

«Eine Notwehr der Seele»

Kaveh schreibt nicht nur über den Iran, sondern über Deutschland. «Was ich heute über Deutschland fühle, ist eine tiefe, tragische Entfremdung von einem Land, das ich einst Heimat nannte, das aber heute in meinen Augen eine Mitschuld an der Zerstörung meiner Identität und meines Volkes trägt.»

Auch im engsten Kreis findet er keinen Halt. Familie und Freunde zerbrächen unter dem gesellschaftlichen Druck, flüchteten sich in Rechtfertigungen oder unterstützten die Aggression gegen die eigene Herkunft. «Der Kontaktabbruch war kein Akt der Wut, sondern eine Notwehr der Seele.» Mehr noch schmerze, zu sehen, «wie genau diese Menschen instrumentalisiert werden, um die Schlagzeilen Deutschlands zu füllen».

Über die, die im Iran geblieben sind, schreibt er: «Ich sehe einen Mut, der mich beschämt und gleichzeitig tief inspiriert.»

«Wie tief dieser Gedanke der Überlegenheit geht»

Mehdi wurde in Teheran geboren und floh im Iran-Irak-Krieg nach Deutschland. Sein Vater wurde während seiner Geburt in Evin gefangengehalten. Die Familie ist muslimisch, gegen das System im Iran und gegen jede Intervention.

«Ich habe seit meiner Kindheit von der iranischen Diaspora Feindseligkeit erlebt. Alleine unser Nachname war für viele Iraner ein Grund uns anzugreifen.» Von seinem Vater hat er einen Satz mitgenommen, dass man Ungerechtigkeit niemals mit Ungerechtigkeit bekämpfen sollte.
Am meisten beschämt ihn etwas, das er überall hört. «Viele Iraner sagen dass es bei Ihnen nicht so enden wird wie im Irak, Syrien oder etc. weil Iraner besser sind. Als ich nach fast 20 Jahren das erste Mal wieder in den Iran reisen durfte, habe ich diese Aussage sogar im Iran von einigen Iranern gehört. Daran siehst du, wie tief dieser Gedanke der Überlegenheit bei vielen Iranern geht und ich schäme mich jedes Mal sehr dafür.»

Seine Forderung ist konkret. «Wenn es dem Westen um die Menschen im Iran geht, dann sollten sie als aller erstes die Sanktionen lockern.»

Freiheit, aber zu welchem Preis

Golnaz, anonym, schreibt über Scham. «Manche schwenken fröhlich USA- und Israel-Flaggen und bezeichnen Trump sogar als Messias.» Und das nach zwei Jahren Bildern aus Gaza, «von denen ich nie gedacht hätte, dass Menschen zu solchen Grausamkeiten fähig sind».

Sie sieht dieselbe Überheblichkeit wie Mehdi. «Im Moment sehe ich bei vielen vor allem den Wunsch nach eigener Besserstellung und leider auch viel Rassismus gegenüber Menschen mit arabischen Wurzeln.»

«Die Menschen im Iran sind dadurch weder vor der eigenen Regierung sicher noch vor der Außenwelt. Am Ende wird das Land für sie zu einem Gefängnis von allen Seiten.»

Sie stellt eine entscheidende Frage. «Welches Land wurde jemals bombardiert, ohne dass es unzählige zivile Opfer gab und konnte danach einfach fast mühelos eine demokratische Regierung einsetzen?» Ihr fällt kein Beispiel ein.

«Ich habe mich selten so entfremdet gefühlt»

Shirin, anonym, ist in Deutschland aufgewachsen, ihre Eltern kamen in den Neunzigern. Sie stellt zuerst klar: «Für mich steht außer Frage, dass das iranische Regime seine eigene Bevölkerung unterdrückt. Diese Unterdrückung relativiere ich in keiner Weise.» Auch ihre eigene Familie lebe in ständiger Angst vor staatlicher Willkür.

Was sie erschüttert, ist die eigene Community. «Es ist für mich schwer nachvollziehbar, wenn Menschen aus meiner Community heute demonstrativ mit Flaggen der USA oder Israels tanzend auf Demos auftreten, während gleichzeitig Bomben auf die iranische Zivilbevölkerung im Namen der Freiheit fallen.»

Warum sie anonym bleibt, schreibt sie selbst. «Insbesondere unter monarchistischen Gruppen sehe ich mich nicht in der Lage, meinen vollen Namen öffentlich zu nennen.»

Zwei Realitäten gleichzeitig

Bei Shirin prägt die Geschichte. 1953 stürzten CIA und britischer Geheimdienst den gewählten Premier Mossadegh, nachdem der das Öl verstaatlichen wollte. Der Schah wurde als autoritärer Herrscher gefestigt, «auch um westliche Interessen zu sichern». Die daraus entstandenen Spannungen hätten den Weg für die Islamische Republik geebnet.

«Also zu ignorieren, welche Rolle westliche Mächte über Jahrzehnte in der Destabilisierung der Region gespielt haben, halte ich für gefährlich verkürzt.»

Sie schlägt keine Strategie vor, sondern besteht auf einem Nebeneinander. Das Regime sei zutiefst problematisch. Und das Handeln von USA und Israel führe «keineswegs automatisch zu Freiheit oder Demokratie». Sie erwartet etwas von beiden Lagern. «Es können zwei Realitäten gleichzeitig anerkannt werden.»

70 Prozent, drei Lager

Ein Leser, der anonym bleiben möchte, wir nennen ihn Siavash, ist im Iran geboren, fast seine gesamte Familie lebt dort. Er wagt eine Schätzung. Rund 70 Prozent der Iraner seien gegen diese Regierung, und zwar nicht als loyale Kritiker. «Vielmehr spricht diese Mehrheit von: Das Regime hat mein Leben zerstört. Es hat unser Land zerstört.»

Diese Mehrheit teilt er in drei Lager. Zehn bis zwanzig Prozent wollen die Angriffe und den König zurück, dreißig bis vierzig die Angriffe und eine Demokratie, die größte Gruppe ist gegen die Angriffe. «Ich selbst gehöre zur dritten Gruppe.»

Sein letzter Absatz ist der Grund für diesen Beitrag. «In den westlichen Medien wird lediglich der ersten Gruppe eine Plattform geboten, sodass der Eindruck entstehen könnte, die Mehrheit der Iraner sei für den König. Die Realität sieht aber anders aus.»

«Wir haben nie um Hilfe gebettelt»

Nicht alle, die uns geschrieben haben, lehnen die Angriffe ab. Shayan hat jahrelang für die Rechte der Palästinenser protestiert. «Meine Ablehnung gegenüber der Regierung Netanyahu, Apartheid und Besatzung sowie meine Kritik an der US-Politik, nicht zuletzt unter Trump, sind substanziell.»

Gleichzeitig lehnt er die Islamische Republik strikt ab und ist enttäuscht von der Bewegung, in der er selbst steht. «Für Iraner im Alltag ist die Bedrohung durch die IRGC [Revolutionsgarden] präsenter als die aktuelle militärische Eskalation. Wir haben nie um Hilfe gebettelt.»

Aber auch er will ein Ende des Leids. «Die Bevölkerung leidet, während Machthaber ihre Kriege führen. Wir dürfen uns nicht gegeneinander ausspielen lassen.»

Iran und Palästina

Taha, 26, Sohn zweier Exiliraner, in Deutschland geboren. «Schon Jahre vor dem Gaza-Krieg habe ich das Vorgehen Israels im Gazastreifen kritisiert und eine israel-kritische Meinung entwickelt. Ebenso empfinde ich als Iraner eine starke Ablehnung gegenüber unserem Regime und befürworte ausdrücklich dessen Fall.»

Vertreten fühlt er sich nirgends. «Zurzeit fühle ich mich jedoch nicht vollständig repräsentiert, insbesondere da die iranische Diaspora häufig sehr israelfreundlich eingestellt ist.»

Aida M. ist hier geboren, spricht Farsi, ist Muslimin und mit einem Palästinenser verheiratet, «was leider einige faschistische Landsleute stark triggert».

«Der Iran-Krieg hat die Menschen noch mehr gespalten. Ich bin weder pro Monarchie noch pro Regime. Ich bin pro Palästina, pro Freiheit, pro Menschlichkeit und definitiv dagegen, dass mein Vaterland von Feinden bombardiert wird.»

Weder das Regime noch der Prinz

Navid M. schreibt knapp. «Viele Stimmen sind derzeit stark monarchistisch geprägt oder befürworten eine Eskalation bis hin zu Kriegsszenarien. Diese Perspektive teile ich nicht.»

Parisa, geboren in NRW, Eltern aus Ahvaz und Isfahan: «Weder das Regime, noch der Prinz, noch das Eingreifen von außen werden etwas bringen und es schmerzt zu sehen wie naiv die Menschen sind aber auch wie schnell man für seine Meinung verurteilt wird.»

Nasrin ist gläubige Muslimin. «Für mich bedeutet ein freier Iran vor allem, dass Menschen dort ohne Angst und ohne Zwang leben können. Vor allem frei lachen, frei ihre Kultur leben und frei ihre Erinnerungen bewahren.»

Und Abbas B., dessen Vater über ein Jahr in Einzelhaft in Evin festgehalten wurde: «Das iranische Volk muss über seine Zukunft entscheiden und nicht ein wanna be Shah und Marionette. Es gibt nämlich auch nicht tanzende Iraner.»

  • Tarek Baé

    Gründer und Chefredakteur von Itidal. Berliner Patriot. Tarek Baé ist Journalist und Bestseller-Autor aus Berlin. 2021 gründete er die freie Medienplattform Itidal, arabisch für Gleichgewicht. Benannt hat er das Medium nach seiner Großmutter Itidal, von der er sagt, sie hätte mit ihrer Standhaftigkeit und gleichzeitigem Sanftmut ein lebendiges Beispiel des Gleichgewichts symbolisiert.

    Er schaffte es mit seinen Kritiken und Recherchen auf die Feindeslisten des israelischen Militärs und der Terrorgruppe Daesch (IS).

    “Ich schreibe für das große, inklusive Wir, zu dem jede und jeder gehören kann. Und ja, ich schreibe auch mindestens genauso leidenschaftlich gegen all jene, die dieses Wir angreifen.”

    Alle Beiträge
Tags: ChameneiIranIsraelKriegRegimeUSA
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