Ich erinnere mich gut an den ersten Moment, in dem ich nicht mehr mit Händeschütteln begrüßt wurde. Ich war frisch in der Pubertät und war auf mein bisschen Bart stolz. Wir besuchten entfernte Verwandte und als ich den Frauen zur Begrüßung die Hand gab, lächelten sie und legten ihre Hände über die Brust. Es brauchte einen Augenblick bis ich verstand: Ah, jetzt bin ich also auch ein Mann. Und bei Muslimen ist es üblich, dass sich erwachsene Frauen und Männer nicht per Handschlag begrüßen.
Natürlich dachte ich nicht, das wäre irgendwie männerfeindlich. Respektlos ist an der Begrüßung auch nichts. Ebenso wenig wie als ich zum ersten Mal bei einer jüdisch-orthodoxen Familie zu Gast war und die Frauen ihre Hände bei sich hielten.
Ohnehin zegt sich die schönste Begrüßung doch in den Augen. Und das ist kein Platz für empörtes Stänkern. Oder Erhabenheit durch Gesten.
Ich erinnere mich auch gern an einen Moment mit einem marokkanischen Sheikh, der zu Deutschland zu Besuch war. Ich begleitete ihn als Übersetzer. Und Schüler. Wir waren zu Gast bei einer muslimischen Familie und die jugendliche Tochter hatte eine nichtmuslimische Freundin bei sich. Als sie in den Raum reinkamen begrüßte die junge Frau natürlich alle im Raum ringsum. Ich war kurz gespannt, ob der Imam ihr ihre ausgestreckte Hand schüttelt. Und selbstverständlich tat er es. Ich erzählte ihm, dass ich es kurz nicht einschätzen konnte. Und er erklärte, dass es bessere Arten gäbe, den Islam vorzustellen, als Formalitäten zu übertreiben. Er war in etwa bekannt für seine schöne Stimme und stimmte einen Dhikr an, ein Lied des Gottesgedenkens. Die, für ihn, authentischere und schönere Weise, sich vorzustellen. Und sie mochte ihn direkt.
Der große Johann Wolfgang von Goethe, der extra anreiste, um sich einer Gruppe Muslime in ihrem Gebet anzuschließen, hätte wohl gespottet über die Vorstellung, ein Handschlag definiere die deutsche Kultur.
2017 schrieb der damalige Bundesinnenminister Thomas de Maizière in der BILD, was für ihn „Leitkultur“ wäre. „Wir sind nicht Burka“ und „wir geben uns die Hand“.
Eine beleidigende Vorstellung, dass das Deutschland sein soll. Als wären da nicht Kunst, Sprache, Handwerk und so vieles mehr.
Oder wie Goethe es sagte:
„Aber freilich, wenn wir Deutschen nicht aus dem engen Kreise unserer eigenen Umgebung hinausblicken, so kommen wir gar zu leicht in diesen pedantischen Dünkel. Ich sehe mich daher gern bei fremden Nationen um und rate jedem, es auch seinerseits zu tun.“
Jede ernst gemeinte Begrüßung ist auf ihre eigene Art respektvoll.
Die Moral von der Geschicht‘ ist: Die Welt ist größer als der eigene Kosmos.
Und bewusst durch das Leben gehende Menschen wissen mit den vielfältigen Unterschieden umzugehen. Man verliert ja nichts, sondern gewinnt nur mehr Horizont.
Ich gebe die Hand. Der Unterschied ist nur, ich weiß, wann ich es nicht tun muss. Und ich weiß, wo es nicht als Begrüßung genutzt wird. Und ich verschwende keine Zeit an Leute, die mit solchen Differenzierungen nicht umgehen können. Und ich denke, man ist aus menschlicher, anständiger Sicht immer gut beraten, sich so zu verhalten, dass man dem Gegenüber nichts für ihn/sie Vermeidbares abverlangt. Und noch besser beraten ist man, wenn man die Welt nicht durch eine rassistische Brille betrachtet.






