Eine verwirrende Geschichte
Im Jahr 1966 eröffnete die ARD ihr erstes Studio in Tel Aviv. In der Berichterstattung bis dahin existieren im ARD-Wortschatz die Wort Palästina oder Palästinenser nicht. In der 1950 gegründeten ARD gibt es aber durchaus Berichte über die Region. Recht einseitig und bescheiden im Niveau. In der Tagesschau kriegt man keinen Journalismus geboten. Interviews mit israelischen Staatsvertretern wie David Ben-Gurion, der die Vertreibung aller Palästinenser forderte, romantisierte Reportagen über das Leben in Israel. Im ARD-Archiv findet sich immerhin auch ein Beitrag über „jüdisch-arabisches Zusammenleben” von 1963. Ein kleiner Einblick in die palästinensische Stadt Akkon im israelischen Staatsgebiet. Palästinenser, nur „Araber” genannt, werden als rückständig dargestellt, Israelis als „modern”. Dass es arabische (palästinensische) Christen gibt, nennt die ARD damals „eine etwas verwirrende Situation”. Aber immerhin sind sie Christen: „Sie nennen sich nicht Hassan oder Mohammed”, erklärt der Sprecher lobend.

Geleitet wurde das erste ARD Studio in Tel Aviv vom Korrespondenten Rolf Walter Schloss. Er wanderte bereits 1945 nach Palästina ein. So ist es in seinem Pass abgestempelt: Palästina. Israel gab es noch nicht. Der Deutsch-Israeli prägte das ARD Studio und das Denken Deutschlands über Israel und Palästina bis ins Jahr 1978.
In den 70ern erlente die ARD allmählich den Namen der Palästinenser. Spätestens seit Israel 1967 Gaza, Ost-Jerusalem und das Westjordanland besetzte, gab es daran auch keinen Weg mehr vorbei. Denn zuvor war das ARD Studio in Tel Aviv nur einem Land und einer Perspektive gewidmet: Israel. Das Leben von Palästinensern wurde vom Studio nicht mitabgedeckt. Das wäre bei den fehlenden Grenzübergängen auch nicht möglich gewesen. Als Deutsche in Israel konnten sich die Korrespondenten ab 1967 aber – so wie auch Israelis – frei in den illegal besetzten palästinensischen Gebieten bewegen. Im Gegensatz zu den Palästinensern unter israelischer Besatzung. Die waren in ihrem eigenen Land Gefangene. Eine Geschichte, die im ARD wenig Beachtung findet.
ARD Studio Israel Palästina
Erst ab 2012 trat das ARD Studio offen mit den Namen ARD Israel Palästina in Erscheinung. Im Grunde genommen, ein gewagter, mutiger Schritt. Wenn man die bisherige Haltung der ARD in Bezug auf Palästinenser sowie das politische Klima in Israel und Deutschland betrachtet. Dafür verantwortlich war der Korrespondent Richard C. Schneider.
Von 2018 bis 2023 unterhielt die ARD auf sozialen Medien Seiten für ihr ARD Studio Tel Aviv, die den Namen „ARD Israel Palästina”.

Heute ist jede der Seiten abgeschaltet. Das liegt vor allem daran, dass die ARD sämtliche Kanäle ihrer Auslandsstudios zusammengelegt hat. Doch mit den Kanälen endete auch der Name „Palästina”. Seit 2023 spricht man beim ARD nicht mehr von Palästina. Nur noch von den „Palästinensischen Gebieten.” Wenn überhaupt. In nur zwei von 2.471 Textbeiträgen der Tagesschau, die sich mit Gebieten Palästinas (Gaza, Westjordanland und Ost-Jerusalem) beschäftigen, wird der Name Palästina redaktionell verwendet. Aber auch nur in 19 % der Beiträge wird überhaupt erwähnt, dass es sich um palästinensische Gebiete handelt.
Auf eine Presseanfrage von Itidal, in der wir erfahren wollten, warum das Studio Tel Aviv sich nicht mehr mit dem Namen der Region bewirbt, erklärt der Bayerische Rundfunk, alle ARD-Studios seien nur nach ihrem Standort benannt.

Das stimmt so nicht. Mehrere Auslandsstudios der ARD nutzen auch den regionalen Beinamen. So sprechen die ARD und der MDR in einer Pressemitteilung im November 2025 noch vom „ARD Auslandsstudio Südasien”. Auch andere Auslandsstudio werden mit regionalem Beinamen beworben, wie etwa das ARD Studio Südosteuropa oder das ARD Studio Nordwestafrika. So wirklich umbenannt wurde nur ein Studio: Israel Palästina.
Die ARD reagiert auf kritische Nachfrage
Aus „Palästina” wurde nur noch „palästinensische Gebiete”. Die ARD Mediathek und andere Seiten der ARD und ihrer eingegliederten Rundfunkanstalten listeten die Zuständigkeit des Studios Tel Aviv für „Israel und für die palästinensischen Gebieten (Gazastreifen und Westjordanland)”. Ein Gebiet fehlt: Ost-Jerusalem. Ein Gebiet, das Israel als Teil der Hauptstadt Groß-Israels betrachtet und illegal annektiert hat. Der Internationale Gerichtshof (IGH) und die UN stellen klar: Ost-Jerusalem ist völkerrechtswidrig besetztes palästinensisches Land.

Nach einer Presseanfrage Itidals wurde Ost-Jerusalem ergänzt. Man habe „die unvollständige Formulierung korrigiert”, heißt es in einer Antwort des Bayerischen Rundfunks. Doch das scheint ein wunder Punkt zu sein. Denn das Studio Tel Aviv deckt auch die Berichterstattung über die illegal von Israel besetzten syrischen Golan-Höhen ab. Ohne das auszuweisen. Werden sie zu Israel gezählt? Auch dass die Gebiete überhaupt laut UN und IGH illegal besetzt sind, wird in der Beschreibung nicht erwähnt.
Knackpunkt Bayerischer Rundfunk
Der Informationsdirektor des Bayerischen Rundfunks (BR), Thomas Hinrichs, ist mitverantwortlich für die Arbeit des ARD Studios Tel Aviv. Auf einer Veranstaltung der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung offenbarte Hinrichs im Juni ziemlich unfreiheitliche Ansichten, wie die Zeitung Neues Deutschland zuerst berichtete. Ein Wir gegen Sie par excellence.
Der Direktor erklärte, er sei „Freund Israels“ und spreche auch als solcher. Für Hinrichs stehe fest, dass unter seiner Führung das Bekenntnis zur Staatsräson eine „Voraussetzung” sei, um aus Israel zu berichten.
Kontext: Staatsräson wird die bedingungslose Unterstützung Israels genannt. Ein politischer Begriff ohne rechtliche Grundlage.
Hinrichs weiter: „Die (in Gaza) platzieren Kinder dort, wo Waffen sind, damit diese Kinder getötet werden und man dann sagen kann: ‘Schaut mal, die armen Kinder!’” Es müsse daran gearbeitet werden, „das in die Köpfe hineinzubekommen von einem Mitteleuropäer”. Diejenigen, die nach Deutschland kommen (Migranten) müssten akzeptieren: „Israel ist Staatsräson’ […] und wenn euch das nicht passt, dann bleibt da, wo ihr seid.”
Vorgegebene Sprache?
In einem Glossar, das die ARD ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bereitgestellt hat, um über Israel und Palästina zu berichten, wird der Name Palästina als potenziell unklarer Begriff erklärt. Das ARD-Glossar, das Itidal vorliegt, zitiert in Abschnitt 3.6 genau das, über die Landeszentrale Baden-Württemberg: Deutschland habe Palästina nicht offiziell anerkannt. Die ARD folgt der Regierungsterminologie.

Im selben Glossar heißt es über den Ausspruch Free Palestine: „Daniel Poensgen, RIAS: ‘Es ist antisemitisch, die Befreiung Palästinas zu fordern, wenn damit die Abschaffung Israels und somit die Negierung des Rechts von Jüdinnen_Juden auf Selbstbestimmung gemeint ist.’ “ Der Ausspruch sei „jedoch nicht automatisch antisemitisch”. RIAS (Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus) wird vom israelischen Journalisten Itay Mashiach in einer Studie vorgeworfen, systematisch Narrative der israelischen Regierung zu verbreiten.
Einordnung
Dass bei der Tagesschau, dem Nachrichten-Flaggschif der ARD, nicht mehr von Palästina gesprochen wird, ist nachweisbar. Dass überhaupt die Realität eines palästinensischen Gebietes erwähnt wird, ist ebenfalls selten. Die illegale Besatzung wird kaum benannt. Bei solchen Zahlen kann man von einem System sprechen. Palästina und Palästinenser werden untergeordnet und geradezu unsichtbar gemacht. In Staatsräsonfunk zeigt der Journalist Fabian Goldmann, wie die Tagesschau stattdessen arbeitet: In 16 Monaten Berichterstattung kamen in der Tagesschau israelische Militärs und Politiker 136-mal zu Wort, palästinensische Politiker ganze viermal, so oft wie Netanyahu allein in den ersten acht Kriegstagen. Bei den Quellen dasselbe Bild, 43 % der Schlagzeilen stützten sich auf israelische Angaben und nur 5 % auf palästinensische. Auch die Sprache sortiert die Gewalt, israelische Angriffe erscheinen 156-mal als „Reaktion“ oder „Gegenschlag“, und das Wort Massaker bleibt weit überwiegend palästinensischer Gewalt vorbehalten. Man kann sagen: Die ARD hat sich seit 1963 kaum verbessert. Vielleicht findet man im Studio Tel Aviv die Situation ja immer noch „verwirrend”.