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Home Sudan

Krieg im Krieg Sudan: In Würde sterben oder in einem zerfallenen Körper fliehen?

Von Mohamed Khougali
21.11.2025
in Sudan, Debatte
Ein Mann und ein Kind im Sudan auf der Flucht vor dem Bürgerkrieg. Symbolbild: REUTERS/Jok Solomun

Ein Mann und ein Kind im Sudan auf der Flucht vor dem Bürgerkrieg. Symbolbild: REUTERS/Jok Solomun

Im April 2023 wurde der Sudan in einen Bürgerkrieg gestürzt. Mehr als 8.000.000 Menschen wurden innerhalb des Landes vertrieben, über 3.000.000 weitere waren gezwungen, das Land ganz zu verlassen. Zehntausende wurden getötet, unzählige Vergewaltigungen begangen, und Berichte deuten darauf hin, dass der Sudan die schlimmste Hungersnot seit vierzig Jahren erlebt. Das grausame Ausmaß der Verwüstung im Sudan wird bislang vor allem in Zahlen erzählt. So wichtig die Erfassung dieser Daten ist – sie wirkt oft leblos und kann das Thema ungewollt in die Unsichtbarkeit drängen. Nicht nur, weil diese Zahlen für die meisten Menschen schlicht unvorstellbar groß sind, sondern auch, weil es keine klare Perspektive auf ein Ende des Krieges gibt. In diesem Kontext lässt sich der Sudan leicht als entpolitisierte humanitäre Krise einordnen. Diese gewaltigen Zahlen sind Halb­wahrheiten, die Millionen von Geschichten brauchen, um vollständig zu werden.

Jaafar und sein Vater

Eine dieser 8.000.000 Zahlen steht für die Geschichte meines Cousins Jaafar. Jaafars Geschichte ist nicht einzigartig, auch wenn die Realität des Krieges jeden Menschen auf andere Weise trifft. Als der Krieg ausbrach, ergriff viele Menschen – insbesondere die älteren Generationen – ein Zustand der Unvernunft. Es gab diejenigen, die dem, was sie mit eigenen Augen sahen – die unaufhörliche Eskalation des Krieges – nicht glauben wollten und stattdessen an einer Erzählung festhielten, die den Krieg als vorübergehende Auseinandersetzung abtat. Während der Krieg sich ausweitete, konstruierten sich die Älteren eine beruhigendere Realität. In den sozialen Medien feierten sie vorschnell das Ende des Krieges. Jeder Versuch, diese Erzählungen zu korrigieren, stieß auf Empörung und Aggression.

Jaafar flehte seinen Vater an, die vierköpfige Familie an einen sicheren Ort zu bringen, hinaus aus dem Sudan. Sein Vater, Anfang 60, wollte diese Möglichkeit nicht einmal in Betracht ziehen. Aus Bitten wurden Diskussionen, aus Diskussionen Streit. Einen Monat lang, nachdem der Krieg im April 2023 begonnen hatte, war das das beherrschende Thema. Man muss betonen: In einem Moment des Krieges entspricht ein Augenblick einem ganzen Leben; in jeder Sekunde können Kugeln in Häuser einschlagen, Menschen der Spionage beschuldigt werden, Soldaten plötzlich in Wohnungen eindringen und Gräueltaten verüben usw. Tatsächlich war einer der Hauptgründe, Khartum schließlich zu verlassen, eine verirrte Kugel, die durch Jaafars Fenster flog und in der Decke stecken blieb.

Als mir Jaafar diese Geschichte erzählte, erinnerte sie mich an einen anderen Freund von mir, Sulaihabi. Auch er machte die Erfahrung, dass sein Vater Khartum nicht verlassen wollte – und tatsächlich sogar aus Saudi-Arabien mitten in den Krieg zurückkehrte. Dasselbe gilt für meine eigene Familie und zahllose andere. Es zeichnete sich ein Muster ab: Die Alten wollten zu Hause sterben, während den Jungen die Flucht verwehrt wurde. Ein seltsames Muster, das manchmal unter dem Schlagwort „Nationalismus“ erklärt wird. Doch diese Antwort greift zu kurz, denn Jaafar, Sulaihabi und viele andere fühlten sich dem Sudan genauso zugehörig wie ihre Älteren.

Zerrissene Generationen

In Zeiten des Krieges sehen wir Bilder der Zerstörung. Für die meisten Menschen rufen diese Bilder unterschiedliche Gefühle hervor: Hilflosigkeit, Trauer, Kummer, Schuld, Wut, Angst usw. Für diejenigen jedoch, die diese Orte kannten, dort Erinnerungen geschaffen und sie mit aufgebaut haben, ist es etwas völlig anderes. Für die älteren Generationen bedeutete die Vernichtung des Landes und seiner Infrastruktur zugleich die Zerstörung eines Teils ihrer selbst. Das waren Orte, erfüllt vom Lachen ihrer Familien, von Liebe, Gemeinschaft, Freundschaft, Gebet, Wissen, Unfug, Streit und Versöhnung. Verschwinden diese Orte und Erinnerungen, verlieren sie nicht nur Land, sondern auch ein Stück ihres Selbstbildes – und die kleinen Spuren ihrer Existenz, die sie zurückgelassen haben.

Als der Krieg ausbrach und Jaafar – wie viele junge Menschen – mit seinen Älteren darüber stritt, zu fliehen, kommentierten wir oft, wie „wahnhaft“ diese Älteren seien. Dass dieser Wahn Leben kosten würde. Zwar waren auch die Jungen durch Erinnerungen und Gemeinschaft an den Sudan gebunden, doch der Sudan, den wir kannten, war ein anderer. Wir hatten hier gelebt, geliebt und gelacht, aber wir wollten dieses Land auch neu aufbauen und waren uns der verheerenden Folgen bewusst, von einer Tyrannei regiert zu werden. Wir sind ehrgeiziger als unsere Älteren; vielleicht naiver, aber optimistischer.

Flucht nach Äthiopien

Nach einem Monat im Herzen des Krieges flohen Jaafar und seine Familie schließlich. Sie fanden einen Platz in der nächstgrößeren Stadt, Medani, wo Jaafar und andere junge Leute einen kleinen improvisierten Bäckereistand eröffneten. Es war kein Zuhause, aber eine neue Bindung an den Ort begann zu wachsen: durch die Erinnerungen an Domino-Spiele bis tief in die Nacht oder Revierstreitigkeiten mit konkurrierenden Ständen, die am Ende mit Humor beigelegt wurden. Während Jaafar und seine Familie, wie viele andere, die aus Khartum geflohen waren, sich gerade eingelebt hatten, fand der Krieg sie wieder – und im Dezember 2023 eroberte die RSF die Stadt.

Von einem Moment auf den anderen musste Jaafars Familie zusammenraffen, was sie tragen konnte, alles in den Familienwagen stopfen und erneut fliehen. In einem Fünfsitzer mussten sieben Menschen Platz finden, die Älteste 85, der Jüngste 10 Jahre alt, dazu das Gepäck. Eine unausweichliche Wahrheit drängte sich auf: Der gesamte Sudan war vom Krieg verschlungen. Die Familie beschloss, die Grenze nach Äthiopien zu überqueren, und machte sich auf den Weg. Die stundenlange Fahrt hielt alle in ständiger Anspannung – in der Angst, unterwegs aufgehalten zu werden, dass das Auto liegenbleibt und sie mitten im Nichts stranden, oder dass jemand plötzlich krank wird. Wie durch ein Wunder brachte der Wagen sie an die äthiopische Grenze. Doch nicht alle hatten Reisedokumente, darunter die 85-jährige Frau. Die alte Frau musste in einer Schubkarre über die Grenze nach Äthiopien geschoben und auf der anderen Seite wieder in Empfang genommen werden – eine Möglichkeit, die sie in ihren späten Jahren niemals in Betracht gezogen hätte.

Würde, Tod oder Neubeginn

In Äthiopien angekommen, musste die Familie einfache Unterkünfte finden. Mit begrenzten finanziellen Mitteln konnten sie nur kleine Wohnungen mieten und wiesen die jüngeren Familienmitglieder an, sich zu verstecken oder draußen zu bleiben, wenn der Vermieter kam, um die Vereinbarung nicht zu verletzen. Vergeblich – die Jüngeren wurden entdeckt, und Jaafars Familie wurde auf die Straße gesetzt. Dort beschlossen sie, Visa für andere Länder mit besseren Perspektiven zu beantragen. In der Zwischenzeit fanden sie eine weitere Zweizimmerwohnung, in der Männer und Frauen voneinander getrennt lebten.

Eines Nachts, als Jaafar zur Wohnung zurückkehrte, hörte er laute Stimmen aus dem Zimmer der Frauen. Dort sah er den Vermieter, der versuchte, eine der Frauen sexuell zu missbrauchen. Jaafar packte die Wut, er stürzte sich auf den Vermieter, überwältigte ihn und verteidigte die Frauen vor dem Übergriff. Weil nicht alle Familienmitglieder über gültige Reisedokumente verfügten, konnten sie nicht die Behörden einschalten. Das bedeutete: Der Vermieter konnte sie hinauswerfen, die bereits gezahlte Miete einbehalten und musste für den Übergriff nicht einmal zur Rechenschaft gezogen werden. Genau so geschah es.

In diesen zermürbenden Monaten wurden Visa für die Familie nur nach und nach erteilt. Ich habe sie vor einigen Monaten besucht. Die alte Frau spricht gar nicht mehr – nicht einmal zur Begrüßung. Und Jaafar? Trotz all des Erlebten hat sich sein Ehrgeiz erneuert, doch er ist jetzt mit einer schweren Dosis „Realismus“ durchtränkt. Die ernüchternde Realität des Krieges bedeutet für die Alten eine lähmende Entwürdigung: Wäre es besser gewesen, in Würde zu sterben, statt im gebrechlichen Körper zu fliehen? Für die Jungen bedeutet sie unerfüllte Ambitionen: Lohnt es sich, neue Beziehungen und Projekte zu beginnen, nur um wieder enttäuscht zu werden? Jaafars Vater ist in den Sudan zurückgekehrt, wo er sich – mitten in den zerstörten Gebäuden und Strukturen, die er kaum noch wiedererkennt – paradoxerweise mehr zu Hause fühlt. Jaafar hingegen irrt in einem neuen Land umher, in dem ihn die Aussicht auf neue Kontakte und Beziehungen eher sozial verunsichert.

Dies ist eine Familie von Millionen, die von diesem Krieg betroffen sind.

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  • Mohamed Khougali

    Mohamed Khougali ist Psychologe und Sozialist, der Teil der Sudanesischen Revolution war. Als Aktivist und Autor beschäftigt er sich in Deutschland mit der "Black radical tradition".

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