Am 14. November 2025 behauptet der Lehrer Hudhaifa Al-Mashhadani, am U-Bahnhof Rathaus Neukölln vor eine einfahrende Bahn gestoßen und mit dem Tod bedroht worden zu sein. Der Angreifer habe ein „Palästinensertuch“ getragen. Bereits Ende November stellt eine Itidal-Recherche fest: Keine der Kameraaufnahmen dieses Tages im genannten U-Bahnhof zeigt einen Angriff auf ihn. Ein Mitarbeiter der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) bestätigte gegenüber Itidal, dass die Polizei diesen Umstand auch seit November kannte. Im Januar fragt Itidal per Presseanfrage bei den ermittelnden Behörden, warum trotz dieser Informationen im November der Verdacht gegen Al-Mashhadani erst im Januar ernst genommen wurde. Man könne „keine weiteren Auskünfte erteilen“, hieß es daraufhin.
Doch der irakischstämmige Al-Mashhadani wird in Blitzgeschwindigkeit zu einem lebenden Märtyrer einer vermeintlichen Bedrohung durch pro-palästinensische Extremisten stilisiert. Er sei ein „Opfer von Islamisten und Hamas-Anhängern“, das wegen „seines Kampfes gegen Islamisten“ und wegen seines „Einsatzes für jüdisches Leben und die Existenz des jüdischen Staates“ angegriffen worden sei, behauptet Al-Mashhadani.
Berlins Bürgermeister Kai Wegner (CDU) spricht von einem „feigen Angriff“. Die palästinenserfeindliche Aktivistin Karoline Preisler (FDP) sprach ihm ihre „Solidarität“ aus und behauptete, sein Leben sei „durch Hamas, Samidoun und andere Extremisten bedroht“. Der Israel-Lobbyist und „Islamkritiker“ Ahmad Mansour nennt Al-Mashhadani einen „großartigen Menschen“.
Auch auf Bundesebene wird Wirbel gemacht. Christoph de Vries (CDU), Staatssekretär im Bundesinnenministerium, und immer vorne mit dabei, wenn Muslime als Bedrohung dargestellt werden sollen, macht einen medienwirksamen „Spaziergang“ durch Neukölln. Mit der muslimenfeindlichen Integrationsbeauftragen Neuköllns, Güner Balci und mit Neuköllns Bürgermeister Martin Hikel. Und mit Al-Mashhadani. Mashhadani mache ihm „Hoffnung“, so de Vries. Im Kampf gegen „islamistische Strukturen, antisemitische Hotspots und Clan-Kriminalität“ in Neukölln. Kein Schlagwort wird ausgelassen.
Neuköllns als rechts geltender Bürgermeister Martin Hikel (SPD), der ihn ernsthaft mit der Ehrennadel Neuköllns auszeichnete, nennt Al-Mashhadani „verlässlich“. Er hätte „immer sein Wort gehalten“.
Dass Hikel und Co. die Worte dieses Mannes für glaubwürdig halten, verrät viel über ihre Weltsicht. Denn ihr vertrauter Freund ist ein Lügner.
Ende Februar zeigen Recherchen von Itidal und von der taz, dass die Behörden die Ermittlungen zu dem angeblichen Anschlag auf Prof. Al-Mashhadani eingestellt haben. Es wurde nun stattdessen gegen ihn ermittelt. Weil er den Anschlag offenbar erfunden hätte. Im Zuge dessen kommt raus: Weite Teile seines Lebens hat der Lehrer mutmaßlich wohl erfunden. Mehrere Universitätsabschlüsse soll es nicht geben. Al-Mashhadani will nämlich ein abgeschlossenes Medizinstudium absolviert, Politikwissenschaften studiert, im US-Außenministerium gearbeitet, im irakischen Verteidigungsministerium Terrorgruppen zerschlagen und im irakischen Parlament gesessen haben. Offenbar kam niemand auf die Idee, die abenteuerliche Biografie des Lehrers zu hinterfragen.
Nach dem Auffliegen des erfundenen Mordanschlags zeigt Al-Mashhadani keine Reue. Er erzählt etwas von einer Verschwörung. In Berlin hätte sich eine Gruppe namens „Armee der Gefährten Mohammeds“ aus „Islamisten und Linksradikalen“ formiert, auch SPD-Mitglieder seien involviert. Auf Nachfrage weiß man bei der Polizei nicht, wovon da die Rede sein soll. Al-Mashhadani lügt sich weiter die Welt zurecht. Er behauptet nach wie vor „36 arabische und kurdische Kulturvereine“ zu vertreten, während er seine kleine Arabischschule in Neukölln verwaltet. Er will als Teil einer großen schweigenden Mehrheit wirken. Itidal-Recherchen zufolge aber gibt es das Bündnis überhaupt nicht. Mashhadani erfindet die Vereine schlichtweg oder behauptet, in ihrem Namen zu sprechen.
Medien hüllen sich in peinliches Schweigen über ihre miserablen Recherche-Kompetenzen. Die Süddeutsche Zeitung veröffentlichte im Dezember ein langes sentimentales Loblied auf den Hochstapler. Ohne kritisches Nachfragen. Zu dem Zeitpunkt war der Polizei bereits bekannt, dass die Videoaufnahmen keinen Angriff zeigten. In dem Porträt durfte Mashhadani unwidersprochen behaupten, auf der Sonnenallee würden „sechzig Geschäfte der Muslimbruderschaft“ gehören und „Hamas-Anhänger würden Schutzgelder erpressen“. Die Recherche von Daniel Bax und Yossi Bartal in der taz zeigt: Auch ein Anruf von Bayerns Ministerpräsident Markus Söder, in dem Söder Mashhadani zu einem Umzug nach Bayern einlud, von dem Mashhadani in der SZ erzählte, soll laut bayrischer Landesregierung nicht stattgefunden haben. SZ-Autor Thorsten Schmitz, der regelmäßig abenteuerliche Behauptungen über Gaza und Muslime in Deutschland veröffentlicht, sagt später unverfroren laut taz, die Angaben in dem Beitrag seien „sorgfältig recherchiert“ worden. Ach so.
Al-Mashhadani, der Ahmad Mansour im Euroshop gekauft, mimt weiter den ungebrochenen Staatsmann. Auf Instagram postet er ein Foto von sich, das ihn auf einem Auto-Rücksitz sitzend nachdenklich in die Ferne blickend zeigt. Er habe „mehr als 100 Einladungen“ in den letzten Monaten erhalten. Sein Ziel bleibe unverändert, „ein sicheres, freies und starkes Berlin für alle Bürgerinnen und Bürger.“ In der Gedankenwelt Al-Mashhadanis ist er mehr als nur ein Lehrer einer einfachen Arabischschule in Neukölln, von denen es – gerade auch dort – viele gibt. Sondern ein Bürgermeister. Nein, ein Mediziner, der in Texas nochmal in Politikwissenschaften promovierte, für Behörden in drei verschiedenen Ländern tätig war und gerade erst ein Angebot „des Innenministeriums in Wien“ erhalten hätte. Dieses bunte Selbstbild konnte Al-Mashhadani sich selbst nur einbilden, weil er eine völlig absurde Prominenz in Politik und Medien erhielt.
Unter dem Foto auf Facebook stehen zwei Kommentare. Mit exakt demselben Wortlaut: „Ohne Hudaifa wäre Neukölln ein großes Stück ärmer an Kultur und an ein Miteinander aller friedlichen Bürger.“ Beide Profile sind recht neu und zeigen offenbar keine echten Menschen. Beide Profile treten ausschließlich durch Kommentare im Sinne Al-Mashhadanis auf. Eine Person arbeitet angeblich bei ZDFheute. Die andere Person bei der Deutschen Welle. In beiden Fällen Frauen, und in beiden Fällen gibt es in den jeweiligen Medien keine Mitarbeitenden unter diesen Namen. Im Mikrokosmos der Kommentare unter Mashhadanis Beiträgen zeigt sich das Bild, das Mashhadani von sich selbst hat: ein Medienliebling, ein Frauenheld.
Eines der Profile war, bevor es eine Frau mit drei aus dem Internet gestohlenen Fotos war, ein Mann namens Ali. Das verrät die URL des Facebook-Profils. Unter einem neueren SZ-Beitrag über Mashhadanis Lügen zeigen sich gleich drei Profile auf Facebook wütend, mit identischen Wortmeldungen. „Wie viel Geld habt ihr vom Iran erhalten“, wollen sie wissen. In demselben gebrochenen Deutsch, mit dem auch Mashhadani spricht, wenn er seine Texte nicht schnell noch durch ChatGPT jagen kann.
Al-Mashhadani ist eine Erinnerung daran, wie einfach es in Deutschland ist, mit rein gar nichts berühmt zu werden, wenn man sich nur lautstark als Gegner von Muslimen, von Palästinensern oder von Minderheiten aufspielt. Die gewisse Prise Pro-Israelismus lässt die Tütensuppen unter den Selbstdarstellern in der deutschen Mainstream-Wahrnehmung wie Sterneküche wirken.
Der Fall Al-Mashhadani steht nicht isoliert, sondern verweist auf ein engeres Netzwerk sich gegenseitig legitimierender Akteure der Szene, die sich über den Kampf gegen „Antisemitismus und Islamismus” profiliert. Al-Mashhadani gehörte dem Expertenbeirat des Zera Institute an, gemeinsam mit der Islamkritikerin Seyran Ateş, der Neuköllner Integrationsbeauftragten Güner Balci, dem Antisemitismusbeauftragten der Jüdischen Gemeinde Berlin, Siegmount Königsberg, sowie Ali Ertan Toprak (CDU), Bundesvorsitzender der Kurdischen Gemeinde Deutschland. Das Zera Institute selbst geriet bereits vor dem Al-Mashhadani-Skandal in die Kritik: Der Verein erhielt kurz nach seiner Gründung, vom Berliner Senat rund 390.000 Euro Fördermittel zur Antisemitismusbekämpfung, ohne dass eine erkennbare fachliche Expertise dafür vorlag. Vermittelt worden sei die Förderung über CDU-Parteifreunde der Zera-Leiterin Maral Salmassi. Die Konstellation zeigt damit ein wiederkehrendes Muster: Dieselben Personen und Institutionen bescheinigen sich gegenseitig Expertise, erhalten auf dieser Grundlage staatliche Fördermittel und politische Anerkennung, während die zugrunde liegenden fachlichen Qualifikationen und, im Fall Al-Mashhadanis, sogar die geschilderten Vorfälle selbst nicht unabhängig überprüft wurden.
Nun hat die Staatsanwaltschaft Berlin Strafbefehl gegen Al-Mashhadani beantragt. Wegen seiner falschen Aussagen. Für das Verbreiten der Lüge wollen sich seine Wegbereiter nicht entschuldigen. Berlins Bürgermeister Kai Wegner schweigt, Neuköllns Bürgermeister Martin Hikel duckt sich weg. Das Problem ist nicht Mashhadani. Es könnte eine ernste Persönlichkeitsstörung vorliegen. Das Problem ist das System, das Stimmen wie die des Lehrers so viel Gewicht gibt, weil ein Migrant, der vor Migranten warnt, des deutschen Mainstreams Lieblingsgeschichte ist. Als hätten wir hierzulande nichts Besseres zu erzählen; niemand Besseren zu bieten.