Vor gerade mal 31 Jahren stand Bosnien und Herzegowina am Abgrund. Es kam zu einem Genozid an den Bosniaken und über 100.000 Menschen wurden im Krieg getötet. Frankreichs Präsident akzeptierte die Gewalt und sagte, dass „ein unabhängiges Bosnien als einzige muslimische Nation in Europa unnatürlich wäre“. Heute zeigt das europäische, mehrheitlich muslimische Land mit Fußball und Alltag, dass Vielfalt und Frieden möglich sind, wenn die verschiedenen Bevölkerungsteile sich nicht spalten lassen.
Vielfalt
Bosnien ist ein Vielvölkerstaat. Vor allem drei Bevölkerungsteile definieren das Land. Theoretisch sind sie alle Bosnier. Muslimische, katholische und orthodoxe Bosnier. Praktisch definieren sich viele Menschen in Bosnien und Herzegowina aber noch über die nationale Identität, die mit der Religion einhergehen soll. Katholiken als Kroaten (15,4 %), Orthodoxe als Serben (30,7 %) und Muslime als Bosniaken/Bosnier (50,01 %). Es gibt auch andere kleine Minderheiten wie Roma, Albaner, Montenegriner, Juden und andere.
Das erste Tor in dieser WM schoss Jovo Lukić, ethnisch Serbe, oder eben ein orthodoxer Bosnier. Der Kapitän ist Edin Džeko, ethnisch Bosniake, oder eben ein muslimischer Bosnier. Im Tor steht Nikola Vasilj, ethnisch Kroate, oder eben ein katholischer Bosnier. Die Nationalmannschaft vereint das Land und bildet die Vielfalt eindrucksvoll ab.
Genozid und Krieg
Heute feiert Bosnien und Herzegowina ein Fußballmärchen. Vor 31 Jahren noch sah die Welt in Bosnien anders aus. Sie ging gerade unter. Den schrecklichen Höhepunkt fand der Bosnienkrieg (1992-1995) im Genozid von Srebrenica. Über 8.372 Bosniakinnen und Bosnien wurden kaltblütig ermordet, größtenteils Jungen und Männer. Die serbischen Truppen wollten die Existenz der muslimischen Bosniaken angreifen. Insgesamt über 100.000 Menschen wurden im Bosnienkrieg getötet. Bosniaken, Kroaten, Serben. Mehrheitlich waren die Opfer Bosniaken. Waffen für die Massaker kamen unter anderem aus Russland und Israel.
Das Land Bosnien und Herzegowina rief nach dem Zerfall Jugoslawiens 1992 seine Unabhängigkeit aus. Daraufhin gingen serbische Truppen gegen die anderen Bevölkerungsteile vor: Bosniaken und Kroaten. Später richteten sich auch Kroaten gegen Bosniaken.
Bosnien wurde unter anderem deshalb angegriffen, weil Bosnien eine Gegenthese zum Nationalismus war. Die Idee einer Heimat für alle wurde von extremistischen Gegnern als Gefahr betrachtet. Bosnien wurde aber auch angegriffen, weil Bosnien gerade auf dem Weg war, ein unabhängiges muslimisch geprägtes Land im Herzen Europas zu werden. Die Kriegspropaganda war enorm von antimuslimischer Hetze geprägt. Der damalige US-Präsident Bill Clinton schrieb in seinen Memoiren, „der französische Präsident François Mitterrand hat besonders unverblümt erklärt, Bosnien gehöre nicht“ zu Europa, und dass, „ein unabhängiges Bosnien als einzige muslimische Nation in Europa ‚unnatürlich‘ wäre“. Das Morden wurde mit Gleichgültigkeit beobachtet. Die niederländischen UN-Schutztruppen in Srebrenica überließen die schutzlosen bosniakischen Zivilisten den Angreifern. „Das ist nicht unser Krieg“, sagten sie.
Hoffnung
Wer heute durch Bosniens Hauptstadt Sarajevo läuft, sieht noch viele Einschusslöcher. Aber die Stadt feiert. In Vielfalt und Einheit. Das Blau der Trikots durchzieht die Altstadt und die neueren Viertel. Sarajevo ist ein Meer aus Blau und Lilien. Die Stadt erlebte vom 5. April 1992 bis 29. Februar 1996 an die längste Belagerung der modernen Geschichte: 1.425 Tage, mit rund 11.500 Getöteten, darunter über 1.600 Kinder. Teamkapitän und Fußballlegende Edin Džeko schrieb einen berührenden Brief an die Kinder seines Landes, den wir auf Deutsch veröffentlicht haben. „Ihr könnt es schaffen“, lautet die Botschaft des Bosniers, der als Kind in dieser Belagerung groß wurde.
Bosniens WM-Märchen lässt nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Spannungen weiter anhalten. Serbiens Präsident Vučić drohte Bosnien regelmäßig. Die Führung der durch Gewalt eroberten „serbischen Gebiete“ in Bosnien (Republika Srspka genannt) bringt immer wieder einen neuen Krieg ins Gespräch. Bis heute ist das Land durch einen UN-Vertrag von 1995 geteilt und quasi handlungsunfähig, weil die drei großen Ethnien jeweils ein Parlament und einen Präsidenten stellen (sollen). Im Ernstfall hat ein UN-Kommissar die Entscheidungsmacht. Bis heute darf Bosnien und Herzegowina nicht sein, was Bosnien und Herzegowina nicht sein darf: Ein Beweis, dass Vielfalt sich lohnt. Ein Beweis, dass Islam zu Europa gehört. Ein Beweis, dass aus tiefstem Schmerz die Kraft des Friedens erwächst. Die Nationalmannschaft verbreitet die Hoffnung darauf aber.