Alle großen deutschen muslimischen Organisationen haben sich bereits geäußert. Der Rat Berliner Imame gibt in einer Pressemitteilung, getragen durch Erfahrung und Praxis, einen klugen Einblick darin, was nötig ist, um Extremismus effektiv zu bekämpfen und findet Worte der Heilung. Da die Pressemitteilung kaum in Medien Erwähnung findet, veröffentlicht Itidal sie vollständig.
Wer Extremismus wirksam bekämpfen will, muss die Menschen stärken, die täglich präventiv arbeiten und jungen Menschen Alternativen zu Hass und Ausgrenzung eröffnen.
Berlin, 27. Juli 2026: Bereits am Sonntag hat der Rat Berliner Imame den Opfern des Terroranschlags auf den Berliner CSD, ihren Angehörigen und der queeren Community seine Solidarität ausgesprochen. Diese Solidarität bekräftigt der Zusammenschluss von Berliner Imame heute erneut:
„Wir sind dankbar, dass sich nach aktuellem Stand keine weitere verletzte Person mehr in Lebensgefahr befindet. Unsere Gedanken und Gebete gelten weiterhin allen Verletzten, den Hinterbliebenen des Todesopfers, ihren Familien sowie allen Menschen, die diese schreckliche Tat miterleben mussten. Unser Dank gilt den Einsatzkräften und allen, die den Betroffenen in diesen schweren Stunden beigestanden haben.“
Weiterhin ergänzt der Rat Berliner Imame angesichts der sich entwickelnden öffentlichen Debatte seine Haltung mit der folgenden Stellungnahme:
Der Terroranschlag auf den Berliner CSD macht erneut deutlich, dass religiös begründeter Extremismus, ebenso wie andere Formen des Extremismus und Menschenfeindlichkeit, eine reale Gefahr für unsere Gesellschaft darstellen. Mitglieder des Rat Berliner Imame warnen in ihren Gemeinden und darüber hinaus seit vielen Jahren vor Radikalisierung, religiösem Extremismus sowie jeder Ideologie, die Hass schürt, Menschen entmenschlicht oder Gewalt religiös zu legitimieren versucht.
Als Imame können wir nicht oft genug betonen: Terror, Hass und Gewalt besitzen keinerlei religiöse Legitimation. Wer die Religion des Islams benutzt, um Gewalt gegen Menschen aufgrund ihrer Identität, ihrer Überzeugungen oder ihrer Lebensweise auszuüben oder gar zu töten, handelt nicht im Einklang mit den ethischen Grundsätzen unserer Religion.
Barmherzigkeit, Gerechtigkeit, der Schutz des Lebens und die Achtung der Menschenwürde gehören zu den zentralen Fundamenten des Islam. Wir verurteilen auf das schärfste den feigen Anschlag auf Besuchende des CSDs und verurteilen darüber hinaus jegliche verbale, physische und psychische Gewalt gegen queere Personen oder Angehörigen anderer Minderheiten in unserer Gesellschaft.
Gleichzeitig wissen wir, dass Radikalisierung selten plötzlich geschieht. Sie ist meist das Ergebnis eines schleichenden Prozesses, der sich heute häufig im Internet und in sozialen Medien vollzieht. Extremistische Gruppen und Einzelpersonen nutzen diese Räume gezielt, um insbesondere junge Menschen anzusprechen und für ihre Ideologien zu gewinnen. Deshalb müssen wir junge Menschen früh erreichen, ihnen Orientierung, Zugehörigkeit und Perspektiven geben sowie diejenigen unterstützen, die Warnsignale erkennen und Verantwortung übernehmen. Prävention beginnt lange bevor Sicherheitsbehörden eingreifen müssen.
Diese Aufgabe kann keine Institution allein bewältigen. Sie braucht Moscheegemeinden, Schulen, Familien, Jugendarbeit, Sozialarbeit, Sicherheitsbehörden und eine starke Zivilgesellschaft. Wer Extremismus wirksam bekämpfen will, muss die Menschen stärken, die täglich präventiv arbeiten und jungen Menschen Alternativen zu Hass und Ausgrenzung eröffnen.
Der Rat Berliner Imame wird auch weiterhin seinen Beitrag leisten. In unseren Gemeinden und unserer Bildungsarbeit treten wir entschieden gegen jede Form von Menschenfeindlichkeit sowie religiös oder politisch begründetem Extremismus ein. Wir übernehmen Verantwortung für den Bereich, in dem wir wirken können, und laden alle gesellschaftlichen Akteur:innen ein, dies gemeinsam mit uns zu tun, denn:
Radikalisierung ist kein plötzliches Ereignis, sondern ein Prozess. Und jeder Prozess kann unterbrochen werden. Dafür braucht es Menschen, die zuhören, Vertrauen genießen und früh handeln können: Familien, Freundeskreise, Lehrkräfte, Sozialarbeit, Moscheegemeinden und die gesamte Zivilgesellschaft. Prävention ist deshalb keine Aufgabe einzelner Institutionen, sondern eine gemeinsame Verantwortung.