Seit über einem Jahr laufen Gespräche. Angefangen hat die Idee als Reaktion auf den Genozid in Gaza. Die Regionalmächte traten gemeinsam an die US-Regierung heran, um Israel zu einer Waffenruhe zu drängen. Vier Länder sollten daraufhin in Gaza Sicherheitstruppen bereitstellen: Ägypten, die Türkei, Saudi-Arabien und Pakistan. So zumindest lautete der initiale Plan, heißt es aus türkischen Diplomatenkreisen. Israel stellte sich quer. Und brach die Waffenruhe konstant. Auch um eine Entsendung der Sicherheitstruppen zu vermeiden. Der Deal der Waffenruhe sah diese eigentlich bindend vor. Hamas sagte ihre Entwaffnung explizit unter der Bedingung türkischer Präsenz in Gaza zu. Auch knapp ein Jahr später gab es in Gaza keine großartige Entwicklung.
Am Freitag aber wurde in Mekka eine Entscheidung getroffen, die die Region verändern könnte.
Der Mekka Pakt
Bei einem Besuch in Jordanien am Mittwoch einigten sich die Außenminister der Türkei, Saudi Arabiens und Pakistans nach ihrem fünften Treffen auf die Unterzeichnung am Freitag. Als Ort wurde Mekka, der für Muslime heiligste Ort, ausgemacht. Das Bündnis wurde im Vorfeld in der Presse häufig als „Muslimische NATO” bezeichnet. Die Zeremonie mit Blick auf die Kaaba gibt der Metapher ihre passende Bebilderung. Nach der Unterzeichnung beteten Saudi Arabiens Kronprinz Mohammed Bin Salman, Pakistans Premierminister Shahbaz Sharif und der Präsident der Türkei Recep Tayyip Erdogan gemeinsam das Freitagsgebet. Die Bilder sind groß. Und die Bedeutung?
Eine Zeitenwende?
Das Bündnis könnte nach der NATO nun das größte Militärbündnis der Welt sein. Knapp vor Russlands OVKS. Pakistan als Atommacht, Türkei mit seiner modernen Rüstungsindustrie und Saudi Arabien als Ressourcen-Schwergewicht bringen zusammen eine massive Abschreckung aufs Papier. Für die Regionalländer kann das die attraktivere Alternative zum bisherigen Schutz, der keiner war, durch die USA oder den Iran darstellen. In Jordanien, Katar, Saudi Arabien und woanders wurden die Stimmen lauter, die Präsenz des US-Militärs zu beenden. Bereits jetzt befinden sich 13.000 pakistanische Soldaten in Saudi Arabien, nachdem beide Länder bereits im September 2025 einen Pakt untereinander verkündeten. Die Militärmacht aller drei Länder ist jetzt bereits beachtlich:
1,4 Millionen aktive Soldaten, 6.046 Kampfpanzer, 179.600 gepanzerte Fahrzeuge, 815 Kampfjets, 344 Kriegsschiffe und U-Boote, 124 Milliarden USD Militärausgaben im Jahr und 170 atomare Sprengköpfe.
„Jeder bewaffnete Angriff gegen einen der drei Staaten gilt als Angriff gegen alle drei“, heißt es in einer Erklärung des pakistanischen Außenministeriums. Es ginge darum, „die kollektive Abschreckung gegen jegliche Aggression zu stärken.“
Das türkische Präsidium erklärte weiterführend: „Das Abkommen richtet sich nicht gegen ein bestimmtes Land und steht allen befreundeten Ländern offen, die sich für Frieden, Wohlstand und Stabilität in unserer Region einsetzen.“ Alle drei Regierungen betonen, es handle sich um ein rein defensives Verteidigungsbündnis.
Auch wenn Saudi Arabien, Pakistan und die Türkei betonen, dass ihr Bündnis rein defensiv sei, ist natürlich klar, wegen welchen Ländern das Bündnis entstand.
Es handelt sich um eine Botschaft an Israel, Iran und Indien.
Botschaft an Israel:
Das von der israelische Regierung einberufene Nagel Kommittee, das die Sicherheitspolitik Israels definieren soll, hielt im Januar 2025 in seinem Report fest, dass nicht mehr der Iran, sondern Syrien und die Türkei der Hauptfeind Israels seien. Premierminister Netanyahu sprach von „tiefgreifenden Veränderungen im Nahen Osten.” Immer wieder werden von israelischen Offiziellen Syrien, Türkei, Katar oder Ägypten als potenzielle Gegner genannt, gelegentlich auch Saudi Arabien.
Nach dem Angriff Israels gegen Katar im September 2025 und nach den gezielten Ermordungen von Hisbollah-Chef Hasrallah und Irans Anführer Chamenei betonten israelische Offizielle, Israel könne „überall zuschlagen”. Das wurde in Ankara, Riad, Kairo und woanders als Drohung wahrgenommen. Israels Genozid in Gaza sowie die Angriffskriege gegen den Libanon, Syrien und den Iran haben Israels Status als größte Gefahr in der Region noch einmal bekräftigt. Vor allem in türkischen Regierungskreisen rechnet man in absehbarer Zeit mit einem militärischen Schlagabtausch mit Israel. In der Türkei geht man davon aus, dass die NATO im Falle eines israelischen Angriffs auf die Türkei womöglich nicht den Bündnisfall einhalten wird. Der Mekka Pakt soll Abschreckung schaffen.
Botschaft an Iran
Als Ruhollah Khomeini 1979 im Iran an die Macht kam, kündigte er an, die Revolution auch in die Umgebung zu exportieren (Sudur-e Enqelab). Seitdem waren die Beziehungen Irans zu seinen Nachbarn angespannt. Bis auf den Irak-Iran-Krieg blieb der große Schlagabtausch aus. Nach dem Angriff der USA und Israels auf den Iran im Februar 2026, reagierte der Iran mit Reketen- und Drohnenattacken gegen US-Stützpunkte in den Nachbarländern wie Katar, Bahrain, Irak, Kuwait, Kurdistan, Jordanien, den Emiraten, aber auch auf zivile Ziele dort. Vor allem Saudi Arabien sieht darin eines seiner Hauptprobleme. Auch vom Iran unterstützte Milizen wie die Houthis im Jemen oder Milizen im Irak haben in jüngerer Vergangenheit Drohnen Richtung Saudi Arabien gefeuert. Saudi Arabien war auf der anderen Seite Kriegsteilnehmer im Stellvertreterkrieg im Jemen. Es ist nicht zu erwarten, dass die Situation im Jemen eine Rolle für das Bündnis spielt. Es geht um den Iran. Und dort weiß man das und droht. Ebrahim Rezai, Mitglied des parlamentarischen Sicherheitskommittees im Iran reagierte: „Die Saudis sollten wissen, dass ein Abkommen auf dem Papier mit der Türkei und Pakistan ihnen keine Sicherheit bringen wird.“
Botschaft an Indien
Pakistan und Indien liegen in einem historischen Spannungsfeld. Zuletzt gab es im Mai 2025 einen ernsten militärischen Schlagabtausch, Indien verlor im Luftkampf laut internationalen Medien wie der Washington Post sieben Kampfflugzeuge. Beide Länder sind Atommächte und ein Krieg könnte zu extremen humanitären Katastrophen führen. Für Pakistan ist das Bündnis vor allem eine Abschreckung Indiens. Und auch dort wird das so verstanden. Brahma Chellaney, einer der bekanntesten Geostrategen Indiens und ehemaliges Mitglied des Nationalen Sicherheitsbeirats, forderte, Indien solle „seine Verteidigungsbeziehungen zu Israel verdoppeln und verdreifachen“, und argumentierte, zwei von Israels Nachbarn hätten durch das Abkommen nun theoretisch Zugang zu einer „islamischen Atombombe“.
Gaza ist der Beweis des Totalversagens der gesamten Region
Alle Regionalmächte – Ägypten, Saudi Arabien, Türkei, Iran oder Pakistan – beanspruchen für sich gute Beziehungen zu Palästinensern. Sie alle haben den Genozid in knapp zwei Jahren nicht beenden können. Bestenfalls wurde er verlangsamt oder kurz unterbrochen.
In Gaza reagieren Menschen überwiegend erfreut über das Abkommen. Aya Abdallah sprach für Itidal in Gaza-Stadt mit Überlebenden des Genozids. „Für uns ändert das nichts mehr”, sagt Abdelrahman, ein vertriebener Fischer. Aber „vielleicht verhindert man, dass das nochmal passiert”. Für ihn ist das Bündnis durchaus ein Grund zur Hoffnung: „Wir haben drei Jahre lang gerufen ‘wo sind die Muslime’ und jetzt hört jemand unseren Ruf.”
Umm Fadel, die ihre beiden Kinder im Genozid verloren hat, erinnert an die Realität: „Die Nachricht ist gut. Ich sehe ihre Flaggen auf den Hilfspaketen. Es ist gut, was sie machen. Wir können nicht mehr. Es ist ihre Aufgabe, uns zu beschützen. Wir haben doch nichts”, so die Palästinenserin.
„Dieser Krieg kann nur durch ein starkes Bündnis beendet werden. Wenn sie [Truppen] kommen, heißen wir sie willkommen”, sagt Samer, ein 19-jähriger Student.
Es werden Länder folgen
Ein Land, das den gesamten Prozess der Entstehung mitbegleitete, fehlt auffälligerweise: Ägypten. Der Außenminister der Türkei, Hakan Fidan erklärte gegenüber der Presse, Ägypten werde folgen. Ein ranghoher türkischer Diplomat gibt gegenüber Itidal an, dass mehrere Länder bereits in Gesprächen seien. Ägyptens baldiger Beitritt sei fix. Daneben seien vor allem auch Syrien, Katar und Jordanien interessiert. Auch der Iran sei willkommen, so ein türkischer Diplomat.
Warum fehlt Ägypten? Ägypten ist das einzige Land unter den vier Initiatoren mit einer Grenze zu Israel. Und an dieser Grenze rumort es. Damit das Bündnis nicht als Angriffsplan wahrgenommen wird, war wichtig, dass Ägypten nicht Teil der großen Initialzeremonie ist. Denn die Möglichkeit pakistanischer Atomwaffen, türkischer Drohnentechnologie und saudischer F-35 Jets in Ägypten in 10-minütiger Reichweite nach Israel würde von Israel und von den USA und Deutschland als direkte Bedrohung Israels betrachtet werden. Hinzukommt, dass Ägyptens Regierung seine Beziehungen zu Vereinigten Arabischen Emiraten, einem wichtigen Geldgeber, abwägen muss. Die Emirate und Saudi Arabien gehen aktuell durch eine Spannungsphase, vor allem weil die Emirate in Somalia, im Sudan und im Jemen – teilweise gemeinsam mit Israel – andere Akteure als Saudi Arabien unterstützen.
Kein kurzfristiger Effekt
Es ist nicht zu erwarten, dass das Bündnis sich direkt militärisch in Gaza einmischt, um die Waffenruhe zu erzwingen. Es ist auch nicht zu erwarten, dass das Bündnis die israelische Besatzung Syriens und Libanons beendet oder Drohnenangriffe Irans oder iranisch-unterstützter Milizen auf Ziele in Saudi Arabien, Katar oder woanders beendet.
Der Effekt des Bündnisses könnte sich erst in mittelfristiger Zukunft zeigen. Wenn die Absicht tatsächlich Abschreckung ist, werden die Bündnispartner es als Erfolg genug betrachten, wenn keine neuen Eskalationen entstehen.
Bereits jetzt steht das Bündnis in zwei konkreten Konfliktgebieten in Prüfung. Im Sudan haben Saudi Arabien und die Türkei gemeinsam mit Ägypten eine Stärkung der Regierungsarmee gegen die RSF-Miliz beschlossen. Im Konflikt zwischen den USA und dem Iran übernehmen die Länder die Vermittlerrolle. Wenn das funktioniert, könnte sich das Bündnis in Gaza, im Sudan und in Syrien könnte als Garantiemacht einer Waffenruhe anbieten. Die aktuelle US-Regierung unter Donald Trump, der die US-Armee gerne aus der Region abziehen würde, bewertet die Entstehung als positiv. Die pro-israelische Lobby in den USA hingegen läuft Sturm und sieht das Bündnis als Bedrohung israelischer und US-amerikanischer Interessen.
Große Bilder oder große Bedeutung? Das wird sich in den nächsten Monaten und Jahren zeigen. Saudi Arabien, Pakistan und die Türkei sind Länder, die sich im Ernstfall eines Krieges auch selbst verteidigen können. Sollte ein Land miteinbezogen werden, das konkret gefährdet ist, wie etwa Syrien und Libanon oder ferner Jordanien oder Ägypten, wäre das tatsächlich eine Zeitenwende. Das Bündnis kommt zu einer kritischen Zeit: Die Region sieht in der US-Präsenz keinen Schutz mehr, sondern ein Risiko; die Konflikte mit Israel und dem Iran wirken unlösbar; Syrien und Libanon stehen am Scheidepunkt zwischen Aussicht auf Zukunft oder ständiger Bedrohung; in Indien wird die Bevölkerung durch die Modi-Regierung zunehmend islamfeindlich radikalisiert. Die Bedrohungen sind groß wie die Bilder. Ähnlich groß ist auch die Hoffnung auf große Veränderung.