Israel greift die Olivenernte im Westjordanland an, doch die Palästinenser bleiben so standhaft wie ihre Olivenbäume.
Die Palästinenser sind tief mit ihrem Land verbunden, und der Olivenbaum ist weit mehr als nur eine Einkommensquelle; er ist ein Symbol für Identität und Standhaftigkeit. In diesem Jahr waren die Übergriffe der Siedler im gesamten Westjordanland, von Norden bis Süden, verstärkt: Bäume wurden ausgerissen, Landwirte und Journalisten angegriffen.
- Kontext: Das palästinensische Westjordanland (Westbank) wird ebenso wie Gaza und Ost-Jerusalem von Israel besetzt. Die Besatzung ist laut Internationalem Gerichtshof (IGH) illegal und müsse sofort beendet werden. Israel aber baut immer mehr illegale Siedlungen dort, terrorisiert die Palästinenser gemeinsam mit den israelischen Siedlern und betreibt laut IGH eine Apartheid dort.
Das Dorf Beita südlich von Nablus war besonders stark betroffen, vor allem das Gebiet Jabal Qamas, das im Besitz palästinensischer Bauern ist und wo besonders alte Olivenbäumen gepflanzt sind. Seit Beginn der Erntesaison hindert die Besatzung die Palästinenser daran, ihre Ländereien zu erreichen. Die Israelis greifen sie mit Steinen an, schießen mit scharfer Munition und setzen Granaten ein. Dutzende Menschen wurden verletzt, darunter Journalisten, Sanitäter und internationale Freiwillige.

Einen tragischen Höhepunkt fand das Geschehen im Tod des palästinensischen Kindes Aysam Dschihad Nasser Maʿalla aus Beita als. Der 13-jährige Junge starb an den Folgen eines israelischen Tränengasangriffs am 11. Oktober auf Olivenerntehelfer in der Umgebung von Jabal Qamas.
Der Bauer Hudhaifa Bdeir aus Beita erklärt: „Am 10. Oktober hinderten sie uns daran, unser Land zu erreichen, um die Oliven zu ernten. Sie griffen uns mit Steinen an und vertrieben uns. 36 Personen wurden verletzt, Fahrzeuge brannten aus, darunter auch das Auto eines palästinensischen Journalisten, der die Ereignisse dokumentierte.“
Bdeir führt weiter aus: „Wir gehen mit unseren Kindern und Frauen zur Olivenernte, nicht um mit den Siedlern zu konfrontieren, sondern um uns um unser Land und unsere Bäume zu kümmern. Aber wir werden immer wieder angegriffen. Mehr als 100 Olivenbäume auf meinem Land sind noch nicht geerntet, und wir sind trotz aller Versuche nicht in der Lage, sie zu erreichen.“

Hudhaifa Bdeirs Verwandter Murad Bdeir, ebenfalls Bauer aus Beita, beschreibt: „Die Übergriffe sind organisiert und geplant von der Besatzung und haben sich seit dem 7. Oktober verstärkt. Sie brennen Fahrzeuge nieder, greifen alte Menschen, Journalistinnen und Sanitäterinnen an. Die Produktion ist drastisch zurückgegangen; früher habe ich etwa 50 Kanister Olivenöl geerntet (jeder Kanister enthält 15 Kilogramm), und heute habe ich nicht einmal 7 Kilogramm erreicht.“
Er weist darauf hin, dass jede Person, die zum Olivenernten auf ihr Land geht, den Angriffen der Siedler ausgesetzt ist – selbst wenn die Ländereien weit von den Siedlungsaußenposten entfernt sind -, und das trotz der Anwesenheit von Sanitätern, Journalistin und internationalen Freiwilligen.

Er verweist auf die Journalistin Ranin Sawafteh, die schwere Verletzungen am Kopf erlitten hat, infolge wiederholter Angriffe durch Siedler auf sie. Ein Angriff unter vielen unbeachteten Angriffen auf die Presse.
Übergriffe in verschiedenen Teilen des Westjordanlands
In Khirbet Umm al-Chair südlich von Hebron rissen Siedler kürzlich 150 Olivenbäume aus. Dutzende weitere Bäume wurden in Susiya in den Masafir Yatta, in Saʿir nördlich von Hebron und in al-Maniya südlich von Bethlehem zerstört. In Ramallah und al-Bireh trafen die Angriffe unter anderem Abu Falah, Turmusayya, al-Mughayyir, Silwad und weitere Gebiete. Im Norden des Westjordanlands kam es in den Dörfern ʿAqraba, Burin, Beit Dajan, Raba und ʿAin ad-Dyuk bei Jericho zu ähnlichen Übergriffen, was zu Verletzungen von Bäuerinnen und Bauern sowie Sanitätern führte. Zusätzlich zur Zerstörung Dutzender Bäume.
Ayman Abu ʿAliya aus al-Mughayyir nordöstlich von Ramallah berichtet, dass er zusammen mit seiner Verwandten Umm Salih von mehr als 45 Siedlern angegriffen wurde, während sie auf ihrem Land arbeiteten. Er sagt: „Wir sind nur knapp mit unserem Leben davongekommen, aber diese Übergriffe sind inzwischen alltäglich geworden. Meine Verwandte wurde nach schwerer Misshandlung ins Krankenhaus gebracht.“
Abdallah ʿAwwad aus Turmusayya nordöstlich von Ramallah sagt: „Ich besitze etwa 300 Dunum Land, bepflanzt mit rund 4.000 Olivenbäumen; die Siedler haben zuletzt etwa 2.000 Bäume ausgerissen. Die Produktion in dieser Saison ist äußerst gering, und Angst herrscht unter den Bäuerinnen und Bauern. Selbst während der Ernte wurden meine Verwandten und einer der amerikanischen Freiwilligen verletzt. Doch all das hält uns nicht auf – wir werden weiterhin pflanzen und ernten, trotz allem.“
Samer Shuman Aus Abu Falah nordöstlich von Ramallah sagt: „Etwa 800 Olivenbäume wurden in unserem Dorf zerstört. Aber wir werden an ihrer Stelle neue setzen, und wenn sie sie wieder ausreißen, kommen wir wieder und wieder. Wir sind ein standhaftes Volk, trotz aller Umstände.“
Adnan Dschabarin aus al-Maniya südlich von Bethlehem fügt hinzu: „Während der Erntesaison drangen Siedler in unser Dorf ein und schossen auf uns. Mein Cousin, mein Bruder und ein weiterer Verwandter wurden verletzt. Die Bäume sind nicht nur eine Einkommensquelle, sie sind ein Symbol Palästinas und unserer Identität. Die Produktion ist zurückgegangen, aber wir werden unser Land nicht aufgeben.“
Auswirkungen auf die Produktion und den palästinensischen Olivenbaum
Fayyad Fayyad, Direktor des Palestinian Olive and Olive Oil Council, erläutert, dass 128.000 Dunum Land gefährdet sind: 40.000 liegen hinter der Trennmauer und 88.000 sind von Siedlungen umgeben. Den Landwirtinnen und Landwirten wird der Zugang dorthin unter israelischer Besatzung nur mit besonderen Genehmigungen gewährt. In diesem Jahr wird die Produktion lediglich 8.000–10.000 Tonnen erreichen, verglichen mit einem jährlichen Durchschnitt von 22.500 Tonnen in den letzten zehn Jahren.
Er fügt hinzu: „Seit 1967 wurden mehr als eine Million Olivenbäume im Westjordanland zerstört, und seit 2010 haben wir 250.000 Bäume verloren, die durch Fotos und Videos dokumentiert sind. Seit dem 7. Oktober 2023 bis heute haben wir mehr als 50.000 Bäume verloren.“ Im Gazastreifen seien von ursprünglich 1,2 Millionen Olivenbäumen weniger als 100.000 übrig geblieben, und die meisten Mühlen für Oliven seien zerstört worden.
Die Vereinten Nationen und der Internationale Olivenrat
Ein Bericht des UN-Hilfswerks UNRWA bestätigte, dass der Oktober 2025 der gewalttätigste Monat gegenüber palästinensischen Landwirten seit Beginn der Erhebung im Jahr 2013 war. Roland Friedrich, Leiter der UNRWA-Geschäftsstelle im Westjordanland, betonte: „Familien muss es ermöglicht werden, ihre Felder sicher zu erreichen, um ihre Oliven zu ernten; sie sind für Zehntausende eine Lebensgrundlage.“
Ajit Sengupta, Leiter des Menschenrechtsbüros der UN, erklärte: „Die Angriffe auf die Olivenernte sind Teil der israelischen Menschenrechtsverletzungen, die darauf abzielen, die Palästinenser von ihrem Land zu trennen. Die internationale Gemeinschaft muss den größtmöglichen Druck ausüben, um die Zivilbevölkerung zu schützen und Rechenschaft sicherzustellen.“
Der Internationale Olivenrat forderte auf seiner 65. Tagung in Madrid die internationale Gemeinschaft dazu auf, Israel für seine Verbrechen gegen den Olivenbaum in Palästina zur Verantwortung zu ziehen und die Landwirtinnen und Landwirte für ihre fortlaufenden Verluste zu entschädigen.
Standhaftigkeit der Palästinenser trotz aller Herausforderungen
Die palästinensische Olivensaison war in diesem Jahr nicht nur eine Erntezeit, sondern eine Prüfung der Standhaftigkeit und Identität der Palästinenser. Die Bäume, die sie mit ihrem Land verbinden, werden täglich zerstört, und die Bäuerinnen und Bauern sehen sich fortwährenden Übergriffen ausgesetzt. Dennoch setzen die Palästinenser das Pflanzen und Ernten fort und bekräftigen damit: Der Olivenbaum ist ein Symbol der Beständigkeit und des Widerstands – und sie werden ihr Land nicht aufgeben, wie groß die Herausforderungen auch sein mögen.