Was Superman mit Israel zu tun hat? Viel. Die Betar-Bewegung ist eine extremistische zionistische Jugendorganisation, die 1923 gegründet wurde, für ein militantes Groß-Israel eintritt und dabei einseitig jüdisch-nationale Interessen betont, was ihr den Vorwurf einbringt, kolonialistische und terroristische Positionen zu vertreten.
Auf Twitter (X) postete der Account der Betar-Bewegung eine weinerliche Kritik des neuen Superman. Was als wütende Filmbesprechung daherkommt, ist in Wahrheit ein politisches Manifest voller Projektion. Der Beitrag beginnt mit einem Verweis auf die jüdischen Wurzeln Supermans. Als ob kulturelles Erbe automatisch politische Loyalität mitliefern müsse. Der Film, so die Klage, wage es, Israel nicht als moralisch unfehlbaren Akteur darzustellen, sondern thematisiert Gewalt, Machtverhältnisse, vielleicht sogar Gaza. Für den Verfasser ist das kein künstlerischer Zugriff, sondern „Verrat“. Verrat verübt von progressiven Juden, die angeblich ihre Herkunft vergessen und sich gegen das „wahre“ Judentum verschworen haben. Die Sprache ist dabei aufgeladen, fast schon apokalyptisch: Hollywood als Gehirnwäschefabrik, liberale Juden als Verräter, Kritik an Israel als Wiederholung der 1930er. Es geht längst nicht mehr um Superman, sondern um die Kontrolle über das Narrativ: Wer darf Opfer sein, wer Held, wer gut, wer böse. Und vor allem: Wer darf erzählen.
Es genügt als Argument, dass die radikalsten Israelfanatiker es erkennen. Superman ist pro-palästinensisch und anti-israelisch. Der Film ist kein subtiler nachdenklicher Versuch, auf Gaza aufmerksam zu machen. Sondern – geradeaus in die Fresse – eine Aufforderung, Israel mit Gewalt an der Fortsetzung des Genozids in Gaza zu hindern.
Dass das Israelfantikern so weh tut, hat auch historische Gründe. Superman wurde in den 1930ern von zwei jüdischen Immigranten, Jerry Siegel und Joe Shuster, erfunden und trägt viele Anklänge an jüdische Symbolik: Der Außenseiter, der aus einer zerstörten Heimat flieht, um die Welt zu retten, erinnert an Moses oder den messianischen Retter. Auch sein ursprünglicher Name, Kal-El, klingt hebräisch und lässt sich als “Stimme Gottes” deuten. Superman war also von Anfang an auch eine jüdische Fantasiefigur von Schutz, Stärke und Überleben. Mit diesem Film führt Superman dieses Erbe fort. Indem die aktuelle Realität anerkannt wird: Es sind Palästinenser, die heute Superman brauchen. Und Superman sind. Und Israel hat mit dieser jüdischen Erfahrung, Opfer zu sein, rein gar nichts zu tun.
Israel heißt im neuen Superman Boravia. Das Fantasieland aus dem DC-Comic Universum wurde nicht erst jetzt erfunden. Aber neuerdings auf Israel maßgeschneidert. Ein Militärstaat aus Osteuropäern, der aufgrund seines engen Bündnisses mit den USA tun und lassen kann was er will und über modernste Militärtechnik verfügt. Ein Genozid-Regime, das Panzer auf Zivilisten in seinem schwächeren Nachbarland richtet. Ein Kolonialstaat, der das Nachbarland illegal besetzen und sich einverleiben will. Ein Propagandastaat, der behauptet, mit seinen Verbrechen nur eine böse Regierung im Nachbarland beseitigen zu wollen. Ein Unrechtsstaat, der die Welt ins Chaos stürzt, um seine Verbrechen ungehindert begehen zu können. Ein Siedlerstaat, der seinen Verbündeten die Möglichkeit gibt, mit von der Besatzung zu profitieren. Ein Schurkenstaat, der sich als Opfer inszeniert, aber Massenvernichtungswaffen besitzt.
Und Palästina? Palästina ist im neuen Superman Jarhanpur. Ein vergessener kleiner Nachbar Boravias. Der Kontrast könnte nicht deutlicher sein. Die osteuropäischen Aggressoren und die braunen (arabisch-indisch aussehenden) Zivilisten. Geografisch unlogisch? So wie Israel. Wenn das keine pure Absicht der Macher des Films ist, dann wurden sie von ihrem Unterbewusstsein ordentlich inspiriert.
Der neue Superman beendet das Spiel von „beiden Seiten“. Er ist beides: Superheld und Journalist. Und in beiden Welten kauft er die Propaganda nicht ab. „Sonst sterben Menschen“. Ihm ist nur noch wichtig, dass andere ihm rechtzeitig dabei helfen, dem Bösewicht Israel, „Boravia“, eine Lektion zu erteilen. Nein, nicht schlichten oder vermitteln, sondern bekämpfen. Solange der Schurkenstaat schutzlose Zivilisten bekämpfen will.
Ja, Israelfanatiker drehen zurecht durch. Denn Superman beendet ihre Illusion, Israel wäre etwas anderes als der nationgewordene Superschurke unserer Zeit. Warum sollte ein jüdischer Superman das verschweigen? Vielleicht will er ja nicht, dass in seinem Namen Verbrechen begangen werden. Wie so viele Jüdinnen und Juden weltweit.
Vielleicht aber ist das alles nur Wunschdenken und Interpretation. Weil die Schurken in einem Blockbuster seit langem mal wieder nicht mehr komplex und nachvollziehbar sind, sondern schlichtweg schurkenhaft. Und das erinnert uns alle an: Israel. Jene, die es wissen. Und jene, die es nicht einsehen wollen. Der Genozid in Gaza ist kein Film. Er ist bittere Realität. Wer einen Genozid begeht, ist ein Superschurke. So hässlich und grausam wie die Karikatur dessen nur sein kann. Und wer diesen Genozid verhindert, ist ein Held.
In unserer Realität fehlt es an jenen Helden. Das Heldenhafteste, was wir finden, ist das Durchhaltevermögen der Palästinenser. Bevor wir das aber verklären und romantisieren, müssen wir uns fragen: Wie konnten wir sie in diese Rolle zwingen?